Zwischen ewiger Finsternis und geistiger Umnachtung

„Am Anfang war die Nacht Musik“ nannte Alissa Walser ihren ersten Roman, der jetzt als Taschenbuch erscheint. Ähnlich poetisch wie der Titel ist das ganze Buch. So wie Franz Anton Mesmer seine Patienten mit Stimme, Musik und Berührung einlullt und für sich gewinnt, schafft es Walser mit ihrer wundervollen Sprache.

Auf der Suche nach Ruhm und Anerkennung

Wir befinden uns im Wien des Jahres 1778, Maria Theresia hat das Ruder in der Hofburg fest in der Hand. Eine junge Pianistin begeistert die Regentin: Maria Theresia Paradis ist nicht nur ein echtes Wunderkind sondern auch noch blind. Der Magnetiseur Mesmer soll ihr helfen. Dabei leben die Eltern ganz gut von der begabten Tochter, haben die Achtzehnjährige in ein gefügiges Püppchen verwandelt, dass sich der Welt kaum mitzuteilen vermag. Auch Messmer fehlen häufig die Worte, vor allem wenn er seine Methode erklären soll.

Ausdrücken können beide sich vor allem über die Musik. So wie Maria Theresia das Klavier, nutzt der Arzt seine Glasharmonika als Kommunikationsersatz. Im Hause Mesmers – auch durch die Freundschaft zum Hausmädchen – erwachen im Mädchen die Lebensgeister. Sie lernt, noch vor dem sehen, sich zu behaupten. Die Eltern sind schockiert.

Ist der Ruf erst ruiniert …

Als sich danke der eigenwilligen Methode bald deutliche Erfolge einstellen, streuen die Neider aus dem Wiener Wissenschaftsbetrieb böse Gerüchte: Mesmer habe sich durch Hypnose das blinde Mädchen gefügig gemacht und unterhalte eine sexuelle Beziehung mit ihr. Alle Seherfolge seien abgesprochene Täuschung. Maria Theresia wird von den Eltern zurückgeholt und Mesmer sieht die Flucht nach Paris als einzigen Weg.

Eines gleich vorweg: Alissa Walser ist eine regelrechte Poetin. Die Geschichte vom mysteriösen Wunderheiler und der blinden Pianistin ist in so schöne Worte gekleidet, dass wohl allein das schon für einen Lesegenuss sorgen würde. Weil aber auch die Geschichte um Rebellion, Selbstbestimmtheit und die Wirkung von Musik und Vertrauen noch unterhaltsam, interessant und berührend ist, entwickelt das Buch eine regelrechte Sogwirkung. Endlich einmal ein Bestseller, der den Platz oben in der Spiegel-Liste wirklich verdient hatte.

Gisela Stummer (academicworld.net)

Alissa Walser: Am Anfang war die Nacht Musik.

Piper, 9,95 Euro


Stand Oktober 2011

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