Zwischen den Welten

Nachdem er bereits mit „Das dunkle Schiff“ auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2008 stand, legt Sherko Fatah mit „Ein weißes Land“ abermals ein sehr beachtenswertes Buch vor. Der Roman erzählt die Geschichte des Jungen Anwar und seiner Reise ins Berlin des Dritten Reichs.

Eine Kindheit in Bagdad

1920 wird Anwar in Bagdad geboren und verlebt dort eine Kindheit zwischen Tradition und Moderne. Er, der aus einem konservativen Elternhaus stammt, freundet sich schon bald mit dem Juden Malik an, mit dem er einige Abenteuer besteht, bevor die Stimmung im Königreich endgültig kippt und Juden aus der Öffentlichkeit gedrängt werden. Hier zeigt Fatah beeindruckend das Panorama eines Landes lange vor Saddam Hussein und berichtet von Anschlägen, von denen man eigentlich so gut wie nichts weiß. Man ist Zeuge, wie Malik und Anwar durch die staubigen Gassen der Stadt jagen und kann den Zeitgeist  hervorragend nachempfinden. Allerdings ist Sherko Fatah natürlich zu sehr der erfahrene Romancier, als das er es mit diesen Kindheitsschilderungen und dem schleichenden Antisemitismus bewenden lassen würde. 

Flucht nach Berlin

Nachdem sich Anwar notgedrungen in die Abhängigkeit der erstarkenden Schwarzhemden im Irak begeben hat, wird ihm schon bald klar, dass er aus seiner alten und bekannten Welt ausbrechen muss, will er es in seinem Leben noch zu etwas bringen. Im Gefolge von Bundesgenossen der Nationalsozialisten bricht er in Richtung Berlin auf, wo er im Jahre 1941 inmitten des Krieges ankommt. Hatte sich bereits in Bagdad eine Zäsur im Leben Anwars angedeutet, wird sie hier völlig offensichtlich. Nachdem in Deutschland der Antisemitismus in potenzierter Form auftritt und Anwar auch hier keine Position beziehen will, wird er schon bald als Mitglied der SS mit den (auch eigenen) Kriegsgräuel konfrontiert. Er muss gegen polnische sowie russische Partisanen kämpfen und erlebt den Irrsinn des Krieges am eigenen Leib. An diesen Stellen zeigt Fatah explizit die Unmenschlichkeiten des Kriegs auf, die oftmals an die Grenze des Darstellbaren reichen und dem Leser passagenweise einiges abverlangen

Bunte Mischung

Eine Reise von Bagdad nach Berlin und wieder zurück, ein dunkles Kapitel deutscher Geschichte und Schilderungen aus einem Land, von dem wir so gut wie nichts wissen – „Ein weißes Land“ bietet auf seinen knapp 480 Seiten jede Menge Inhalt und ist eine besondere Geschichtsstunde. Braucht man auch eine gewisse Zeit, um in den Erzählton und die Geschichte von Sherko Fatah hineinzufinden, so ist man spätestens nach zwanzig Seiten von den detaillierten Beschreibungen und dem Schicksal der Menschen zu sehr angetan, als dass man das Buch aus der Hand legen würde. Der Erzählbogen, der doch sehr weit gespannt ist, trägt die Geschichte zuverlässig und zeigt die Ambivalenz in der Geschichte genauso wie im Charakter Anwars. Gelungen schafft es Fatah, dem Leser eine Geschichte zu präsentieren, die vor Grausamkeiten und Gräuel schier trotzt und von der dennoch eine unbestreitbare Faszination ausgeht.

Fazit: Eine schwierige aber auch sehr lohnende Lektüre, die allemal einen zweiten Blick wert ist!

Marius Müller (academicworld-User)

Sherko Fatah. Ein weißes Land 
21, 99 Euro. Luchterhand Literaturverlag

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