Zurück

Die Heimat hat mich wieder. Man hängt noch zwei drei Tage im Kopf an den Orten der gerade vergangenen Reise fest und plötzlich ist man dann wieder ganz zu Hause und die gewohnten Orte und Abläufe übernehmen die Oberhand: Berge von Post, Winterreifen, Heckenschneiden etc. holen einen sehr schnell zurück in die : Ja was? Wirklichkeit? War die Wirklichkeit in New York unwirklicher? War sie nicht sogar viel wirklicher, weil man durch die Fremdheit und die ungewohnten Erlebnisse viel bewusster war? Dann wäre ich jetzt also in der Unwirklichkeit voller bekannter Abläufe.

Katharina Ohana, Psychologin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

Jedenfalls würde ich gerne einfach „zoooooooommmm“ machen und wieder im Bryant Park sitzen oder die Greenwich Street herunterlaufen, wie jeden Morgen zu meinem Lieblings-Coffeeshop: Realitätsflucht in eine realere, präsentere Welt. Man vergisst unglaublich schnell alle Schwierigkeiten, alles Anstrengende, die Einsamkeit. Man denkt nur noch daran, wie besonders das Leben sich dort angefühlt hat. Es würde sehr bald aufhören, wenn man da immer leben würde. Trotzdem werde ich wohl nächstes Jahr wieder hinfahren, mindestens mehrere Wochen…

Was ich auf jeden Fall bezeugen kann: New York hat mit dem Rest der USA wenig zu tun. New York hat die höchste Dichte von ungewöhnlichen Menschen, die ich je erlebt habe. Man muss sie nur zwischen all den schönen Menschen finden. Und man muss sie dann kennenlernen.

Und damit ist man beim Hauptthema von New York: Leute kennenlernen.
Gegen die Umtriebigkeit und Einsamkeit und den Druck der Schnelligkeit und des Erfolges hilft nur (der Natur des Gruppenwesens Mensch entsprechend): Mit anderen in echte Verbindung treten. Und das ist eine echte Hürde in dieser hippen Stadt. Die Verbindungen zu anderen Menschen sind schnell und kurz und unverbindlich.

Doch es sind immer noch alle Menschen, auch dort und man muss „nur“ durch die Mauer durchdringen zu ihren „Schwachstellen“, die für mich immer das Interessanteste waren am Menschen: Träume, Ängste, einschneidende Erlebnisse, Hoffnungen, Erklärungen über den Sinn des Lebens, Verluste. Und die New Yorker sind da eine echte Herausforderung.

Eine Hilfe für mich war: Viele Leute mögen Europäer und besonders Deutsche (es gibt unglaublich viele US-Bürger mit deutschen Wurzeln). Und wenn man sie penetrant in Gespräche verwickelt, dann sind sie oft zu höflich, um distanziert zu sein. Und ich finde, sie sind in New York aufgeschlossener als im Rest des Landes. Die New Yorker sind neugieriger auf andere, vielleicht weil es dort so viele spannende Menschen gibt, vielleicht weil so viele selbst mal fremd waren in der Stadt.

Man hat in New York das Gefühl, nichts mehr zu verpassen. Es gibt ja eigentlich keinen aktuelleren, umtriebigeren Ort, als New York (angeblich kann nur noch Berlin mithalten). Doch ich habe auch viele kritische Stimmen gehört, besonders von Frauen. New Yorker Männer, die mit gutem Job und ohne Bauch ausgestattet sind, benehmen sich wohl wie die Sextouristen in Phuket, Thailand. Ein Paradies voll schöner Frauen, die alle nach einem Mann mit etwas Status suchen. Man muss außer 3x Abendessen für die Dame (Münchner Preise) nix zahlen, die Regeln sind auch festgeschrieben: Beim dritten Date gibt es Sex  (siehe oben).

Sind die Frauen da selber schuld? Jemand sagte mir: Da hier jede schon mal mit jemand Wichtigem, Supertollen zusammen war, wollen sie sich nicht mehr mit weniger begnügen (Kommentar: Ein erfolgreicher Mann). Die Frauen sagen dagegen: Die New Yorker Männer verhalten sich wie die „letzten Arschlöcher“ (Originalzitat: „nutty bastards“).

Ich habe einfach alle Regeln ignoriert. Das ist vielleicht die besondere Quintessenz, die ich aus dieser Reise ziehe: Ohne unhöflich zu werden oder sich auf die Füße getreten zu fühlen, habe ich naiv direkt deutlich gemacht, was ich so denke und tue. Man kann die Leute einfach fragen, warum sie so distanziert sind, man kann ihnen sagen: Sorry, ich kenn die Regeln hier nicht, ich verhalte mich jetzt einfach mal so wie es für mich richtig ist. Was geht es mich an, dass die Frau, die mir jeden Morgen meinen Kaffee gemacht hat, nicht erwartet, dass ich sie ausfrage, warum sie gerade in New York studiert und wo sie wohnt und ob das nicht super hart ist, studieren und arbeiten in New York, was geht es mich an, dass Männer nicht erwarten, dass man sie zum Essen einlädt, was geht es mich an, dass irgendjemand beim dritten Treffen Sex erwartet?

Seltsamer Weise haben mir dann alle gesagt, dass sie auch nicht wissen, woher diese Regeln kommen, und dass ihnen die ganze Fassadenpflege ziemlich auf die Nerven geht. Ich hab allerdings auch noch nie gehört, dass irgendein Mensch so richtig gerne oberflächlich und selbstsüchtig ist. Auch nicht in Deutschland.

Von Katharina Ohana, Psychologin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

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