Zurück zur Natur?

Öko-Terrorismus ist das politische Paradoxon schlechthin: Die Verfolgung edelster Ziele mit den denkbar übelsten Mitteln. „The East“, seit 15. November auf Blu-ray und DVD, versucht sich an diesem heiklen Thema und lässt wagemutig allerlei gesellschaftliche Konventionen hinter sich.

von Nathalie Mispagel, Kinoexpertin auf academicworld.net

Zurück zur Natur?
Vermeintliche Idylle im Wald. © 2013 Twentieth Century Fox

Auge um Auge

 Sie leben im Wald in einem verfallenen Haus, verweigern Konsum, fahren lieber Fahrrad als Auto und ernähren sich von dem, was andere wegwerfen. Ökologisch ist jene Gruppe junger Leute über jeden Zweifel erhaben. Nur moralisch läßt sie zu wünschen übrig, denn wenn sie nicht gerade am Lagerfeuer sitzen oder Essbares sammeln, planen sie Anschläge auf mächtige Konzerne. Etwa Pharmaunternehmen, deren Bosse mit gewissenlos korrupter Geschäftspolitik die Kontamination von Mensch und Umwelt betreiben, selbst jedoch in ’Gated Communities’ ein sicheres Dasein führen. Auf sie hat es die militante Vereinigung ’The East’ abgesehen; in deren Luxuswohnungen läßt sie Öl auslaufen, das ansonsten die Meere verpestet; in deren Drinks schüttet sie heimlich Drogen, die bislang nur ahnungslose Patienten vergiftet haben. Der alttestamentarische Rechtssatz ’Auge um Auge’ ist im Herzen des Neo-Kapitalismus angekommen.

Angst macht sich breit. Einige Großunternehmen haben sich deshalb an die private, auf die Wahrung der Interessen von Multikonzernen spezialisierte Sicherheitsdetektei von Sharon (Patricia Clarkson) gewandt. Die setzt Neuling Sarah Moss (Brit Marling), ehemalige FBI-Agentin, auf ’The East’ an, um die Organisation zu unterwandern. In der direkten Konfrontation mit den Mitgliedern, vor allem dem charismatischen Anführer Benji (Alexander Skarsgård) und der zornigen Izzy (Ellen Page), wird Sarahs Weltbild jedoch zum Wanken gebracht. Sie, die zielstrebige Karrieristin, gerät in den Sog eines alternativen Lebensstils.

Zurück zur Natur?
Auf in die Wälder! © 2013 Twentieth Century Fox

Anregung zum Denken

Die Bankenkrise samt Rezession hat die Grenzen des ökonomischen Wachstumswahns offenbart, Fukushimas Nuklearkatastrophe die Unkontrollierbarkeit von Technik. Der Wunsch und die Suche nach abweichenden Daseinsformen bzw. gesellschaftlichen Veränderungen sind drängender geworden denn je – man denke nur an die Occupy-Bewegung, das Internetphänomen ’Anonymous’ oder die Website ’Wikileaks’, die mehr oder weniger für kritische Rebellion stehen. Vor diesem Hintergrund erweist sich das von Regisseur Zal Batmanglij und Darstellerin Brit Marling verfasste Drehbuch als hochaktuell, gar teils als diskussionswürdig realitätsnah. Es wirft die ethisch brisanten Fragen auf, wie weit Utopismus gehen darf, wann die Schranke zum Fanatismus niedergerissen ist und ob ’Propaganda zur Tat’ eine angemessene Methode zur Weltenrettung darstellt. Die Courage, sich mit diesen strittigen Themen auseinanderzusetzen, ebenfalls die Aufrichtigkeit, keine verbindlichen Antworten liefern zu können, machen aus „The East“, einem zunächst herkömmlichen Spionagethriller, ein nonkonformes Drama mit Nebenwirkung: der Anregung zum Nach-/Um-Denken.

Der Film zeichnet sich schon durch Wahl wie Darstellung seiner Protagonisten aus, von denen sich nur schwer sagen läßt, ob sie furchtlos-naive Freischärler oder links-terroristische Attentäter sind. Weder glorifizierend noch verdammend wird die ’East’-Dissidentenliga mit ihren einerseits idealistischen, andererseits selbstgerechten Motiven ernst genommen, werden die Lebensläufe der einzelnen Mitglieder nachvollziehbar gemacht. Benji, Sohn aus reichem Hause, Lizzy, Tochter eines Industriemagnaten, oder Doc (Toby Kebbell), Absolvent einer Eliteuniversität, müßten beispielsweise keineswegs eine Existenz als soziale Aussteiger führen. Trotzdem haben sie sich fern aller Privilegien für die Subkultur des Freeganismus entschieden, einer politisch motivierten Form von Befreiung aus den Zwängen von Konsum und Kapitalismus. Sie suchen Autarkie, in der heutigen Massengesellschaft wohl der größtmögliche Akt an Anarchie. 

Agentin auf Abwegen

„The East“ formuliert seine Botschaft mit deutlich gesellschaftskritischem Impetus, kann sich allerdings einer gewissen Plakativität nicht verwehren. Als eine Art Neohippie-Kommune mit Hausbesetzer-Charme hat sich das ’East’-Kollektiv eine bessere Welt in einer nur von Kerzen und Laternen ausgeleuchteten Shabby-Chic-Ruine mitten in den Wäldern von Louisana geschaffen. Diese Handvoll junger Leute, die ’Backwoods’ als moderne Variante des aufklärerischen ’Retour à la nature!“ definiert, sorgt füreinander und frönt statt Konsumrausch noch altruistischen Werten. Kein Wunder, daß sich Sarah, obwohl stets durch die Entdeckung als Undercover-Agentin bedroht, von der Gruppe angezogen fühlt. Hier wird etwas gelebt, was in der auf Erfolg und Effizienz getrimmten Mainstream-Kultur mit ihrer Wettbewerbsmentalität untergeht, nämlich Gemeinschaft, Mitgefühl, Gewissen, Unabhängigkeit. Das fasziniert durch beschauliche Harmonie und irritiert gleichzeitig in seiner ungeheuer versponnenen Weltfremdheit. Launige Gesellschaftspiele am Kaminfeuer können nicht jedem den Glauben an eine Zukunft der Menschheit zurückgeben.

Bei Sarah freilich verstärken diese Erlebnisse ihre emotionale Verunsicherung, ebenfalls die wachsende, behutsam zwischen Anziehung und Mißtrauen inszenierte Sympathie für Benji. Umso gravierender erscheinen Sarahs Skrupel, die langsam zu denen des Zuschauers avancieren. Heiligt der Zweck die Mittel? Darf ein uneinsichtiger Großindustrieller gezwungen werden, in den von seiner eigenen Fabrik mit Arsen verseuchten Fluß zu tauchen? Ließe er sich nicht anders von seinen (Umwelt-)Sünden überzeugen? Darf Gewalt zur ’Reinigung’ einer Gesellschaft eingesetzt werden? Überhaupt: Ist Anarchie der Anfang oder das Ende aller Gerechtigkeit? 

Zurück zur Natur?

Aktivismus der Zukunft willen

Je komplexer das Problemfeld, also das Mißverhältnis zwischen alternativer Lebensführung und gewaltbereitem Aktivismus, zwischen Redlichkeit und Willkür wird, desto mehr gerät „The East“ an seine narrativen Grenzen. Einerseits gelingen ihm bemerkenswerte Sequenzen von einem Dasein im Einklang mit der Natur, etwa beim Nacktbaden im See. Das untereinander zelebrierte Waschritual wirkt auf unschuldige Weise intim. Andererseits versteht der Film sich nicht als anti-zivilisatorisches Manifest, sondern will auch den Genrestandards eines Krimis gerecht werden. Insofern neigt er zur demonstrativen Akzentuierung. Gegen Ende wird das ganze Paket an Streitfragen dramaturgisch zu einem allzu harmlosen Showdown geschnürt, der ein bißchen traurig und ein bißchen hoffnungsfroh zugleich sein soll.

Das wird der vielschichtigen Materie zwar kaum gerecht, mindert aber den positiven Gesamteindruck von „The East“ nur wenig. Dafür hat der Film längst zu tief gelotet, als daß er als politisch kalkulierbar eingestuft werden müßte. Auch wenn er selbst kein radikales Arthouse-Kino ist, thematisiert und hinterfragt er auf ambitionierte Weise jenen Extremismus, der sich als revolutionäre Initialzündung für eine gesellschaftliche Neuordnung zu legitimieren versucht. Und das ist schon provokant genug.

THE EAST

Regie Zal Batmanglij
Darsteller: Brit Marling, Alexander Skarsgård, Ellen Page, Toby Kebbell, Shiloh Fernandez, Julia Ormond und Patricia Clarkson

Im Verleih von 20th Century Fox Home Entertainment ab 15. November auf Blu-ray und DVD 

Share.