Zurück im Gerichtssaal

Grisham nimmt den Leser wieder mit in die Anwaltskanzlei und in den Gerichtssaal – überraschend wortwitzig, gewohnt wortgewandt und überaus fesselnd!

David Zinc hat seine Arbeit satt: fünf Jahre lang hat der Harvard-Absolvent in  einer angesehenen Anwaltskanzlei gutes Geld verdient, jedoch unter schwersten Bedingungen. Er kann und mag nicht mehr, schmeißt seinen Job kurzentschlossen hin und geht in die nächste Bar, wo er seinen Frust mit Alkohol betäubt.

Doch ein neuer Job muss her, so viel ist klar – und so landet er schließlich in der kleinen Boutique-Kanzlei von Finley & Figg, die sich mit kleinen Gelegenheitsfällen mehr oder weniger erfolgreich über Wasser hält und vom großem Durchbruch träumt. Dieser scheint zum Greifen nah, als die Kanzlei einen Prozess mit vielversprechenden Millionenklagen an Land zieht.

Ironisch und mit Wortwitz

John Grisham nimmt den Leser in „Verteidigung“ wieder einmal mit in die Anwaltskanzlei und den Gerichtssaal. Der Schreibstil dieses Romans ist dabei unverhofft humorvoll, ironisch und mit reichlich Wortwitz ausgestattet. Dies sorgt dafür, dass der Leser mit einem Schmunzeln im Gesicht die Geschehnisse verfolgt: die Jagd nach Mandanten, der Traum vom großen, schnellen Geld, als auch die vielversprechenden Aktivitäten rund um die Gerichts-Verhandlungen.

Dennoch sollte man sich vom scheinbar „leichten“ und oft etwas ironischen Erzählstil nicht täuschen lassen: „Verteidung“ ist wie alle Grisham-Romane hochwertig und anspruchsvoll, mit einem aktuellen, ernsten Thema, das zum Nachdenken anregt. Grishams Erzählstil hat es einfach in sich – egal ob unterschwellig humorvoll oder ernst – er weiß, wie man die Leser mit einer Geschichte in ihren Bann zieht, ihn so fesselt, dass er das Buch einfach nicht mehr aus der Hand legen kann, bevor er weiß, wer als „Sieger“ beziehungsweise Gewinner der Verhandlungen hervorgeht.  

Von Sinn und Unsinn

Der Spannungsbogen verläuft dabei  auf einem recht hohen Niveau. Ständig ergeben sich  neue Aspekte und ich war geradezu fasziniert davon, wie  es dem Autor immer wieder gelingt, den Leser  in das Geschehen hineinzuversetzen. Er beschränkt sich nicht darauf, nur eine Seite dazustellen, sondern er gibt Einblicke in die Situation und Motivation von Anklägern UND Beklagten, aber auch von Anwälten und Richtern.

Dabei wird die Aufmerksamkeit des Lesers trotz aller scheinbaren Leichtigkeit durchaus gefordert – denn einige Passagen sind juristisch recht detailreich. Hier zeigt sich, dass Grisham weiß, worüber er schreibt – aber auch, wie umfangreich und kompliziert das Rechtswesen ist. Nicht jedermanns Geschmack, aber schließlich haben wir es hier mit einem Gerichtsroman beziehungsweise -thriller zu tun …

Der Leser lernt ganz nebenbei und auf unterhaltsame Weise etwas über das – amerikanische – Rechtswesen im Allgemeinen und über Schadenersatz, Sammel- und Massenklagen im Besonderen. Viele Ereignisse stimmen nachdenklich und man kann sich seine eigene Meinung über Sinn und Unsinn bilden.

Die verschiedenen Perspektiven sind überaus facetten- und abwechslungsreich und sorgen für ein recht schnelles Tempo. Immer wieder werden neue Fragen aufgeworfen, neue rechtliche und persönliche Herausforderungen entstehen, die es zu bewältigen gilt. Und genau das macht einen Teil des Reizes dieses Romans aus: die Art und Weise, wie die beteiligten Personen sich ständig anzupassen versuchen, sich beeinflussen lassen, selbst beeinflussen, Machtkämpfe ausfechten und dabei versuchen, skrupellos  Recht und Rechtsprechung zu überlisten. Zum Wohle des Rechtes?!

Ein spannender Gerichtsroman, der den Leser von der ersten bis zur letzten Seite fesselt: ein äußerst interessantes und dabei aktuelles Thema, in einem für Grisham überraschend wortwitzigen Schreibstil, gleichzeitig wie gewohnt  überaus wortgewandt – und natürlich überaus unterhaltsam!

Birgit Theis
(Academicworld-Rezensentin)

John Grisham. Verteidigung.
HEYNE. 9,99 Euro

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