Zerrissene Leben

1 Person, 2 Namen, 2 Lieben, 2 Leben – so ließe sich die Geschichte von Natasha Solomons „Als die Liebe zu Elise kam“ zusammenfassen. Aber wer sich mit diesen Angaben begnügt, dem entgeht eine traurige, aber niemals triste, eine liebenswerte, aber niemals überzuckerte Geschichte aus Zeiten des Umbruchs.

Der Fischfang ist in Tynford fast schon Ritual. aboutpixel.de / Netzwerk © HB1111
Der Fischfang ist in Tynford fast schon Ritual. aboutpixel.de / Netzwerk © HB1111

Vom verwöhnten Kind …

Im Wien der 30er Jahre führt Elise Landau ein leichtes, fast schon leichtfertiges Leben. Die Mutter gefeierte Operndiva, der Vater respektierter und respektabler Schriftsteller der gehobenen Gesellschaft – kein Wunder, dass die Töchter Margot und Elise ein gutes Leben gewöhnt sind. Schöne Kleider, Personal, Kaffeehausbesuche und Nestwärme bestimmen den Alltag. Noch. Wäre Elise trotz ihrer 19 Jahre nicht noch so ein verwöhntes, unreifes Kind, wäre ihr längst aufgefallen, dass es für die jüdische Familie im Österreich des Jahres 1938 zunehmend brenzlig wird. So ist sie mehr genervt als überzeugt, von dem Plan als Hausmädchen nach England zu gehen. Schließlich haben die Schwester und deren Mann Visa für Amerika und dorthin wollen auch die Eltern. Doch längst ist es nicht mehr so einfach für Juden sich aus dem deutschen Gebiet zu verabschieden. Wiederwillig geht sie also, begleitet von allerlei guten Wünschen und dem festen Glauben, dass man sich bald wiedersehen wird.

… über die verliebte Haushaltshilfe …

Nach dem Kulturschock London geht es für Elise aufs Land und obwohl sie sicher ist, dass England ihr nicht gefallen wird, schließt sie den Ort Tynford, der direkt an der rauen See liegt, schnell ins Herz. Weniger gelegen ist ihr die schwere Arbeit. Als Ausländerin, Jüdin und ehemals durchaus feine Lady machen es ihr die meisten Angestellt in Tynford House, wo sie Anstellung und Unterkunft findet, nicht leicht. Doch Mr. Rivers, der Hausherr, schließt sie schnell ins Herz. Bis, ja bis, sie sich in seinen einzigen Sohn Kit verguckt. Die Liebe der beiden ist selbst für einen aufgeschlossenen Vater in dieser Zeit nicht unbedingt gesellschaftsfähig. Daher erbittet er Bedenkzeit. Doch Zeit wird zu einem kostbaren Gut, denn der Krieg bricht aus und die ländliche Idylle zwischen Schafe hüten und Makrelen fangen ist bedroht. Während die Bomben und Bedrohungen immer näher kommen, wird Tynford für Elise langsam aber sich zum Zuhause – nicht nur wegen Kit. Doch die harte Realität rückt immer näher. Das Militär beschlagnahmt immer mehr Grund in der Gegend und langsam aber sicher rücken die jungen Männer zum Dienst ein. Derweil versteckt die Heimatfront Waffen und Elise? Die macht sich zunehmend Sorgen um ihre Eltern, denn die haben es nicht mehr rechtzeitig raus aus Österreich geschafft und seit Kriegsausbruch herrscht Funkstille.

Als die Liebe zu Elise kam

… zur starken Frau

Natasha Solomons schildert in ihrem Roman mit aller angemessenen Ruhe, dabei aber niemals ohne Charme und Humor, den Zeitenwandel, den der 2. Weltkrieg nicht nur für die Juden bedeutete. Vor dem geistigen Auge des Lesers lässt sie immer wieder prächtige Welten entstehen, nur um sie anschließend dem Untergang zu weihen. Erst Wien, dann Tynford. Immer sind es dabei die kleinen, liebevollen Details, die sie einzufangen vermag, die den Leser mitnehmen in eine längst vergangene Zeit. „Als die Liebe zu Elise kam“ ist zwar auch eine Liebesgeschichte, aber im Grunde mehr ein Erzählung von Heimat und Heimatverlust und davon, dass es im Grunde die Menschen sind, auf die es ankommt und nicht die Dinge und dass man manchmal Schreckliches überleben muss, um den Wert des Lebens ermessen zu können.

Gisela Stummer (academicworld.net)

Natasha Solomons. Als die Liebe zu Elise kam
19,95 Euro. Kindler

  
 

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