Zeiten des Umbruchs

Zwei Sekunden, die es nicht oder vielleicht doch gegeben hat verändern das Leben des elfjährigen Byron 1972 für immer. In unserer Gegenwart könnte der alte Jim, der nach einem Leben in der Psychiatrie in einem Café Tische abwischt und völlig isoliert mit seinen Zwangsstörungen lebt eine Veränderung ganz gut gebrauchen – in Rachel Joyce‘ Buch „Das Jahr, das zwei Sekunden brauchte“.

Zeiten des Umbruchs

Das Rad der Geschichte

Als der junge junge Byron Hemmings von seinem besten Freund James Lowe erfährt, dass dem Jahr 1972 zum Ausgleich des Schaltjahres zwei Sekunden hinzugefügt werden, ist er gleich beunruhigt. Irgendetwas Schlimmes, das ist er sich ganz sicher, wird passieren und – klassische selbsterfüllende Prophezeiung – tut es dann auch. Ein lästiger Stau, ein kleiner Umweg durch ein etwas zwielichtiges Viertel, zwei Sekunden Unaufmerksamkeit und schon beginnt das sorgsam zurechtgezimmerte Spießerleben seiner Mutter Diana auseinander zu fallen – und das von Byron gleich mit. Da kann auch sein bester Freund James, der die Mutter seines Freundes besonders ins Herz geschlossen hat, mit keinem noch so guten Plan mehr wirklich weiterhelfen. Ohne es selbst zu bemerken, hat Diana mit ihrem neuen Jaguar ein kleines Mädchen auf dem Fahrrad angefahren. Nur Byron auf dem Beifahrersitz wurde Zeuge des Unglücks. Als er nach langem Ringen seiner Mutter von dem Zusammenstoß erzählt, versucht sie, den Schaden wiedergutzumachen. Sie überhäuft die Familie des nur leicht verletzten Mädchens mit Geschenken. Mehr und mehr lässt sie Beverley, die selbstsüchtige Unterschicht-Mutter des Mädchens, fortan ihr Leben beherrschen.

Fast 40 Jahre später versucht der einsame Jim sein Leben in den Griff zu bekommen. Seit früher Jugend war er in der Psychiatrie untergebracht, doch sein Heim wurde nun geschlossen. Gepeinigt von Zwangsstörungen – oft muss er 21-mal die Tür zu seinem Wohnwagen aufschließen, reingehen und drinnen alle Öffnungen mit Klebeband verschließen – lebt er am Rande der Gesellschaft, von den meisten gerade einmal zur Kenntnis genommen. Nur eine gibt es da, die ihm mehr Aufmerksamkeit schenkt: die fröhliche Köchin Eileen mit den leuchtendroten Haaren aus seiner Arbeitsstelle als Tischabwischer in einem kleinen Restaurant m Einkaufszentrum. Als die ihn aus Versehen anfährt, kommt Bewegung in sein Leben. Im Gegensatz zu Dianas Autounfall aber sichtlich positivere …

Ineinandergreifende Zeitlinien

Schnell wird dem Leser klar, dass die beiden Geschichten nicht zufällig in derselben Stadt spielen, sondern dass die beiden so unterschiedlichen Erzählstimmen von Byron und Jim irgendwie zusammen hängen. Rachel Joyce konstruiert das durchaus interessant. An mancher Stelle hat man aber das Gefühl, dass sie ein bisschen gar viel in ihre Geschichte hineinpacken wollte. Mit viel Mitgefühl und Gespür für ihre Protagonisten erzählt sie, kommt dabei aber irgendwie nicht genug in die Tiefe. Ein nette Lektüre, die aber Potenzial verschenkt.

Gisela Stummer (academicworld.net)

Rachel Joyce. Das Jahr, das zwei Sekunden brauchte
18,99 Euro.  FISCHER Krüger

Share.