YouPower

Haben Sie schon mal die Seite You-Porn besucht? Das geht ganz einfach: youporn.com eingeben und Sie haben hunderte von öffentlich vögelnden Menschen vor sich.

Von Katharina Ohana, Psychologische Beraterin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

Katharina Ohana, academicworld-Expertin

Alleine Ihrer Reaktion, liebe Leser, beim Lesen des Wortes YouPorn (Hand aufs Herz, das Gefühl ist noch ganz frisch in Ihrem Kopf) zeigt deutlich, dass Sex eben nicht „völlig normal“ ist, wie Essen und Trinken. Niemand würde Seiten anklicken, wo hunderte Menschen unkommentiert miteinander essen und trinken. Sex war nie etwas Normales für uns Menschen und wird es nie sein. Dazu ist er zu mächtig und zu gefährlich. Nirgendwo ist der Mensch so seinem Unbewussten ausgeliefert (vor dem er normaler Weise so viel Angst hat) wie beim Sex. Nichts hat so viel mit Ausgeliefertsein, Gewolltwerden, Scheitern und Gefühlen zu tun wie Sex: Alles sehr heikle Dinge für unsere Psyche, unser Selbstverständnis.

Und gerade deshalb finde ich es so seltsam, dass bei fast allen Filmen dort schon im Titel auf die Demütigung von Frauen hingewiesen wird: Es scheint die besondere Auszeichnung, ein Werbemittel, um Zuschauer zu gewinnen.

Es steht gerade zur Diskussion, dass zukünftig (wie in Schweden schon üblich) die Prostitution in Deutschland wieder reguliert wird und diesmal die Freier strafbar werden. Denn leider hat die rechtliche Befreiung von käuflichem Sex nur dazu geführt, dass Mädchenhandel und Zwangsprostitution in Deutschland massiv zugenommen haben und mittlerweile Busreisen in deutsche Bordelle als Urlaubstrips angeboten werden (womit wir wieder beim Thema von letzter Woche wären). Das Problem bei der Prostitution, die so schnell auch die Zwangsprostitution anzulocken scheint: Auch hier werden Frauen (am liebsten junge Mädchen) gedemütigt und erniedrigt, weil gerade das vielen Männern Lust verschafft. 

Warum? Und die Frage ist erst mal nicht anklagend gemeint. Denn es muss ja einen Grund geben, wenn diese Form der Lustgewinnung durch Erniedrigung von Frauen so weit verbreitet und belebt ist. Und vielleicht könnte man über diese Erklärung ein Gegenmittel finden. War das in der Jungsteinzeit auch schon so? (Leider gibt es dazu keine wissenschaftlichen Untersuchungen). Warum gerade beim Sex (denn viel seltener wird der Beziehungsalltag von Demütigung und Unterwerfung berührt)? Oder vielleicht gerade deswegen? Wird beim Sex mit der Unterwerfung Alltagsfrust auf die Partnerin ausgelebt (mit ihr oder eben stellvertretend im Bordell oder der Phantasie)? Aber warum haben Frauen dann nicht umgekehrt dasselbe Verhalten, denn auch sie sind ja vom Partner oft genug frustriert …

Doch mittlerweile ist die Demütigung jenseits des Sex´ auch auf dem Vormarsch: Laut der aktuellen WHO Studie hat die Gewalt gegen Frauen massiv zugenommen: Weltweit erfährt ein Drittel der Frauen körperliche und sexuelle Gewalt: Wenn Mann sonst schon nichts mehr darstellt in der Welt, kann Mann sich immer noch erheben über immerhin körperlich schwächere Frauen. Mann kann ihnen, stellvertretend für alle anderen, die einen miss-achten, die eigene (auch sexuelle) Abhängigkeit heimzahlen, wenn man sonst schon nicht an die anderen herankommt, die einen so entmachten.

Sex mag prinzipiell ein biologischer Akt sein, aber unser Umgang damit, die konkreten Handlungen sind immer kulturell vermittelt. Und es ist sicher, dass die Demütigung von Frauen beim Sex durch die weite Verbreitung der Filme eine weitere Verbreitung gefunden hat  – in den Betten, Bordellen und manchmal auch „nur“ in den Köpfen. Und auch wenn sicher einige Frauen sexuell masochistisch veranlagt sind, ist die rücksichtslose Demütigung, wie sie in so viel Filmen auf YouPorn stattfindet, eher selten als wirklicher Wunsch bei Frauen zu finden.

Meine Vermutung: Die Verteilungskämpfe erhöhen den Druck auf die Menschen und zwar global, durch fast alle Schichten und Gruppen hindurch. Gerade viele Männer empfinden sich immer bedrohter: es zählt nichts mehr nur seine Pflicht zu erledigen, seine Familie zu versorgen – nein schon dabei kommen sich viele als ohnmächtige Loser vor, gegenüber den dreisten Alphamännchen, die sich als Manager und Investmentbänker global die Millionen unter den Nagel reißen. Und Männer in Entwicklungsländern scheint es in ihrer Ohnmacht und ihrem wirtschaftlichen Elend noch schlimmer zu ergehen, bei gleichzeitig stärkerem Männer-Macho-Kodex. Aber auch in unserer Kultur ist Frauenabwertung überall zu finden.

Frauen wollen oft sein wie Männer, wollen Männerdinge können. Männer wollen das umgekehrt niemals! Selbst eine Kochzeitung (Beef!) muss eindeutig auf Männer ausgerichtet sein, mit technischem Gerät bestückt und herben männlichen Texten versehen, damit Männer diese kaufen. Auch Cola ohne Zucker (Coke Zero) brauch einen eigenen männerkonformen Namen damit Männer sie trinken und ja nicht für weibisch gehalten werden. Frauenzeitschriften sind Frauen-Verarsche. Doch Männerzeitschriften sind Männer-Verarsche auf Kosten der Frauen. Denn alles weibliche werten Männer ab, denn alles weibliche wertet den Mann vor anderen Männern ab. Frauendinge sind lächerlich, sind schwach und Mann muss ohnehin schon gegen jede Schwäche ständig kämpfen. Aber noch besser ist es, andere für schwächer zu erklären, sie schwach zu zeigen (wie in Pornofilmen), um sich selbst dadurch stärker zu fühlen. Auch Neonazis tun das, indem sie Ausländer verprügeln und demütigen. Jeder Obdachlose hat einen Hund, damit er noch ein Wesen hat, das unter ihm steht, das er behandeln kann, wie er will und er sich in der Hierarchie nicht ganz am Boden wähnt. Denn Obdachlose haben oft genug kein Geld fürs Internet oder Bordelle.

Ob die Gewalt gegen Frauen oder die Vorliebe für ihre Unterwerfung beim Sex (im Film, der Realität oder Phantasie) vor hundert Jahren eine andere gewesen wäre oder war, ist nicht bekannt. Auch damals wurden Männer schon selbst sehr viel gedemütigt in ihrer Erziehung, im Militär, durch die gesellschaftliche Hierarchie. Vielleicht ist es an der Zeit Verhältnisse zu schaffen, in denen der Druck endlich nachlässt, in denen Jungs nicht ständig an ihrer Leistung und Härte gemessen werden. Vielleicht sollte man sie aber auch mit Strafen darauf hinweisen, das Erniedrigung anderer keine Lösung für das eigene Minderwertigkeitsgefühl ist.

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