Wir wollten Hitler töten

Der letzte noch lebende Mitverschwörer des 20. Juli legt Zeugnis ab

„Meiner Frau habe ich später vom Widerstand erzählt, weil es vorbei war, wie der Krieg. Aber es gab auch niemanden sonst, mit dem man reden konnte, die waren alle tot, und mit anderen wäre es doch Angeberei gewesen.“ In seinem letzten Interview vor seinem Tod am 1. Mai 2008 fasste Philipp Freiherr von Boeselager, der letzte Überlebende des deutschen Widerstandes und des Attentatsversuchs auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944, seine einzigartige Isolierung und die unterschiedlichen Sentiments, die ihm im Wandel der Zeit in seiner Rolle als Verschwörer entgegengebracht wurden, zusammen.

Philipp von Boeselager hat sich doch noch entschieden, anderen vom Widerstand zu erzählen. In seinem Buch „Wir wollten Hitler töten“ berichtet er von den anfänglichen Zweifeln, die in ihm aufkeimten, bis hin zu seinem Entschluss, aktiv am Widerstand mitzuwirken und das Morden und sinnlose Abschlachten baldmöglichst zu beenden. Doch anders als man vielleicht erwarten würde, ist das Buch des letzten überlebenden deutschen Mitglieds der Verschwörung gegen Hitler nicht nur ein Buch über den Widerstand. Vor allen Dingen ist es kein Buch, das den moralischen Finger über seinen Lesern kreisen lässt.

„Wir wollten Hitler töten“ ist vielmehr eine Autobiografie, die jene Elemente aus dem Leben Boeselagers herausnimmt, die relevant sind, um seine Entscheidungen im Krieg – auf und neben dem Feld – zu verstehen. So beschreibt Boeselager seine Liebe zur Jagd, die Bewunderung über die Standhaftigkeit und die Überzeugungen seines Bruders Georg – gerade auch in den ganz schwierigen Zeiten. Das Buch erzählt von Boeselagers Eintritt in das Kavallerieregiment in Paderborn im Jahr 1936. Er berichtet, wie er während des Russlandfeldzuges mehrmals verwundet wurde und nur durch viel Glück und den Tipps eines Einheimischen überleben konnte. Kurz, er erzählt die Geschichte von Menschen in einem Krieg, in dem nur Zufall und Schicksal das Leben einzelner bestimmten.

Der Leser erfährt aber auch von seinem Entschluss, sich für den Widerstand  anzustrengen. Zu dieser Entscheidung haben ihn mehrere Ereignisse getrieben. Darunter zum einen Boeselagers Erkenntnis der Vernichtungsabsichten der Juden bei gleichzeitiger völliger Ignoranz des Führers in militärstrategischen Belangen. Zuletzt seine Zusammentreffen mit – und man kann sagen Begeisterung für – Henning von Tresckow, der ihn letztlich für den Widerstand gewinnen konnte. Dass Boeselager schließlich den Sprengstoff für das Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 besorgte ist bekannt und wird auch bewusst kurz gehalten. Für viele neu sein dürfte die Rolle, die das Kavallerieregiment unter Boeselager bei dem geplanten Staatsstreich hätte spielen sollen. So ritt er mit 1.200 Mann Richtung Warschau, um von dort nach Berlin gebracht zu werden, wo sie bei einer erfolgreichen Beseitigung Hitlers, die strategisch wichtigen Punkte der Hauptstadt besetzen sollten. Das Attentat misslang und Philipp von Boeselager musste das Verschwinden seiner Männer erklären – und auf die Verschwiegenheit festgenommener Mitverschwörer hoffen.

Man erhält auch von der Absicht der Gruppe um Tresckow Information, den Führer bei einem Besuch an der Ostfront zu erschießen. Philipp und sein Bruder Georg meldeten sich freiwillig für die Ausübung des Attentats. Im letzten Moment wurden die beiden von Generalfeldmarschall von Kluge gestoppt, da Himmler nicht mit auf die Reise in den Osten gekommen war. Man fürchtete, dass ohne die Ausschaltung Himmlers und seiner SS die Umsturzpläne zum Scheitern verurteilt wären.

Trotz aller Widrigkeiten überlebte Philipp von Boeselager, im Gegensatz zu seinen Brüdern, den Krieg. Trotz vieler Ungereimtheiten wurde er nicht in den engeren Kreis der Verschwörer verdächtigt, da viele Mitverschwörer – selbst unter Folter – eine Beteiligung Philipps an den Anschlag- und Umsturzplänen abstritten. Er überlebte die anschließende Säuberung als einer der wenigen. Und sah seine Pflicht, wenngleich erst spät, darin, das Andenken jener Widerstandskämpfer, die für ein anderes Deutschland im Zeitpunkt seiner schwärzesten Geschichte mit ihrem Leben einstanden, hoch zu halten und niemals vergessen zu lassen.

„Wir wollten Hitler töten“ ist keine Heldensage und gewiss keine Angeberei. Es ist ein wichtiges und unglaubliches Dokument eines Zeitzeugen, der sich aus unterschiedlichen Gründen entschieden hat, dass die einzige Möglichkeit des Fortbestandes einer „Kulturnation“ Deutschland darin bestehe, Hitler und seine antisemitische Entourage zu entfernen. Es ist ein Beispiel dafür, dass man auch unter den ungünstigsten Umständen und dem Bewusstsein der schärfsten persönlichen Konsequenzen menschlichen Idealen und religiösen Überzeugungen folgen kann. In einer Zeit, in der immer weniger Zeugen noch von den Ereignissen dieser dunklen Zeit erzählen können, sind solche Berichte umso wertvoller!

Florian Jetzlsperger

Philipp von Boeselager

Wir wollten Hitler töten

192 Seiten

17,90 Euro

Carl Hanser Verlag

Stand Oktober 2007
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