WIR SIND WAS WIR SIND – Überleben um jeden Preis

Auch wenn die Karriere Hannibal Lecters einen anderen Eindruck hinterlassen hat, sind die meisten Kino-Kannibalen nie in der Upper Class angekommen. Stattdessen vegetieren sie am unteren Ende der gesellschaftlichen wie sozialen Skala, retten sich nur mit Mühe über ihren trüben Tag. Überleben unter Hardcore-Carnivoren ist ein elendiges Geschäft.

Filmposter
Wir sind was wir sind…; Foto © Alamode

Unmenschliche Bedingungen

Hätte die Familie von Patricia (Carmen Beato) ´mal besser früher ihre Eßgewohnheiten überdacht! Nachdem der Vater plötzlich gestorben ist, fehlt nicht nur ein Oberhaupt, sondern ein Ernährer, deutlicher ausgedrückt: ein Schlachter.

Während die Mutter sich zunächst hinter ihrem Kummer verschanzt, brechen zwischen dem etwas sensibleren Alfredo (Francisco Barreiro), seinem jüngeren, gewaltbereiteren Bruder Julián (Alan Chávez) und ihrer willensstarken Schwester Sabina (Paulina Gaitán) heftige Konflikte auf, äußern sich in eigenartig verzögerten, nutzlosen Diskussionen. Als ebenso unbeholfen erweist sich ein erster Versuch, Straßenkinder zu kidnappen. Unterdessen kommt die Polizei dieser Anthropophagen-Sippe langsam auf die blutige Spur.

Irgendwo in einem heruntergekommenen Randbezirk von Mexico-City spielt die urbane Horrorstory. Ausgeprägte Armut bestimmt den Alltag, hat sich so tief in die Herzen der Menschen gefressen, daß kein Platz mehr für moralische Bedenken, soziale Empathie, gar gesellschaftliche Verantwortung geblieben ist.

Jeder kämpft für sich allein, etwa die selbst schon wie schmierige Gangster wirkenden Gesetzeshüter, die höchst wehrhaften Straßenkinder oder die zuletzt Selbstjustiz übenden Prostituierten. Wer wie der Vater tot in einem Einkaufszentrum zusammenbricht, wird vom nächsten Putztrupp davongeschleppt und der Boden hinter ihm schnellstens sauber geputzt. Der Einzelne hat keinen Wert mehr, Mitleid will oder kann sich niemand leisten.

Erbärmliche Gestalten

Vor dem Hintergrund dieses realistisch gezeichneten Milieus einer durch Armut verrohten Gesellschaft fällt der Kannibalen-Clan wenig auf, ist er doch nur eine weitere ebenso der Verelendung ausgesetzte wie aggressiv auf ihren Fortbestand beharrende Gruppe, gleichzeitig Ursache und Opfer von großstädtischer Gewalt und sozialer Verwahrlosung. Ohne jemals über ihre Abartigkeit zu reflektieren, konzentrieren die vier sich völlig auf ihre widerwärtige Existenz, würden zu keinem Zeitpunkt daran zweifeln, daß sie eine unanfechtbare Daseinsberechtigung besitzen.

Das in seiner grotesken Sinnentleertheit erschreckende kannibalistische „Ritual“, über das sie ihr Selbstverständnis als ichbezogene Wesen definieren, muß um jeden Preis aufrechterhalten bleiben; wenn schon nicht das Individuum überlebt, dann wenigstens die Rasse. In ihrer Besessenheit von der eigenen Art, kombiniert mit Vorurteilen gegenüber Anderen, ähneln sie „normalen“ Menschen, vor allem deren gleichgültig-unbarmherziger Selbstsucht.

Family Portrait
Eine schrecklich nette Familie…; Foto © Alamode

Freilich würde es zu weit gehen, „Wir sind was wir sind“ deswegen als Parabel auf menschliche Skrupellosigkeit oder auf das Schicksal gesellschaftlicher Parias in einer Mega-Metropole aufzuwerten. Dafür weist der Film zu viel Unlogik auf, ermüdet mit seiner teils verschleppten Dramaturgie und bleibt auch erzählerisch zu oberflächlich, als daß er als ambitioniertes Sozialdrama mit familiärer Psychokrieg-Note und sexuellen Untertönen oder allegorisches Gesellschaftsportrait wirklich überzeugen könnte. Das Thema mag beängstigend sein, seine künstlerische Präsentation erschöpft sich in einer Horrorstudie mit ausgefallener, jedoch dürftig motivierter Umdeutung.

Kannibale hat Hunger
Hunger? Foto © Alamode

Abstoßende Szenarien

Gewissermaßen als inszenatorische Gegenbewegung zur drastischen Geschichte verwehrt sich der mexikanische Regisseur und Autor Jorge Michel Grau in seinem Spielfimdebüt Splatter- oder Exploitation-Effekten, setzt stattdessen zu Recht auf die grundsätzliche Abscheu, die Kannibalismus als (Nahrungs-)Tabu auslöst.

Auch der überdeutliche Effekt, das Haus der Kannibalen mit unzähligen Uhren auszustatten, deren Ticken akustische Klaustrophobie suggeriert, bleibt nicht ohne Wirkung. Überhaupt zählt die Mise en scène zu den Stärken von „Wir sind was wir sind“. Ob innerhalb von Gebäuden oder auf der Straße atmet sie ausschließlich Enge, Verschlossenheit, Beklemmung, als würde jeder Raum nur auf sich selbst, auf Begrenzungen, auf Tradiertes verweisen. Ein geistiges oder physisches Entkommen bleibt verwehrt.

Solch optisches Eingepferchtsein ist Horror genug, weshalb die Kamera von Santiago Sánchez sich nicht unmittelbar ins grausige Geschehen stürzen muß, sondern manches gnädigerweise im Sepiadunkel des Kannibalenkellers hinter Plastikplanen verwischen lassen darf. Gleichwohl hat der Film seine ekligen Momente.

Sollten Sie also erwägen, Ihre Ernährung umzustellen, könnte ein Besuch von „Wir sind was wir sind“ hilfreich sein. Nach dessen zweifelhaftem „Genuß“ werden Fleischesser zu Vegetariern und Vegetarier zu Rohköstlern. Alle anderen haben sich einen Drink verdient.

(Autor: Nathalie Mispagel, academicworld-Filmexpertin)

 

WIR SIND WAS WIR SIND

Regie und Drehbuch: Jorge Michel Grau

Mit: Francisco Barreiro, Carmen Beato, Paulina Gaitan, Adrián Aguirre, Daniel Giménez Cacho, u.a.

Kinostart: 2. Juni 2011

 

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