Wir sind allein, allein. Nicht.

Ein Spaziergänger, ein Hund, ein totes Mädchen, ein quasi SunnyBoy in den 50ern und eine suizidgefährdete Ermittlerin mit einer besonderen Empathie – in Samuel Bjorks Thriller gibt es viel zu entdecken. Ob diese Mischung reicht, um einen top Krimi abzuliefern?

Norwegen. Die Sondereinheit rund um Holger Munch sollte eigentlich aufgelöst werden, weil er damals seine junge Kollegin Mia Krüger in einer Ermittlung gedeckt hat. Da findet ein Spaziergänger, beziehungsweise sein verhasster Hund die Leiche eines Mädchens. Nicht irgendwie im Boden verscharrt, sondern aufgehängt am Baum. Um ihren Hals ein Schild: Ich reise allein. Kurzerhand bleibt die Einheit für diesen Fall bestehen, doch sie ist deswegen noch lange nicht komplett. Munch will die Ermittlerin Mia Krüger dabei haben. Die ist aktuell damit beschäftigt, ihre Tage bis zum Suizid herunterzuzählen. Sie hat die Gabe, Menschen so wahrzunehmen, wie sie wirklich sind – ehrlich, verlogen, bösartig, kaputt. Diese Pläne darf sie erst einmal aufs Eis legen und die Insel verlassen, auf die sie sich zurückgezogen hat. Es wird sich zeigen, dass das tote Mädchen sehr wohl „Reisegesellschaft“ erhalten wird, wenn Munch und Mia ihre Probleme nicht bald auf die Reihe bekommen und den Fall weit genug lösen können, um aktiv einzugreifen.

Die Kritik

Erzählt wird nicht aus der Perspektive einer einzelnen Person, sondern sehr wechselhaft. Auch Charakter wie der Spaziergänger am Anfang erhalten eigene Kapitel. Damit zeichnet der Autor sehr interessante Wahrnehmungsformen, die von Beginn an Spannung entstehen lassen. Durch die persönlichen Abgründe, die er dabei skizziert, bekommt der Thriller eine insgesamt düstere Note. Aber auch hier kommen wieder die Gegensätze ins Spiel, mit denen Bjork spielt: Der männliche Hauptcharakter Munch ist das Gegenteil von Mia, denn er nimmt das Leben, wie es kommt.

Leider wird Bjork dabei manchmal etwas zu ausführlich. Es ist eine Sache, seinen Charakteren Raum zu geben, damit der Leser sie in mehreren Facetten erfassen kann. Herausgekommen sind aber Teilkapitel, die inhaltlich einfach nicht mehr sinnstiftend sind. Damit setzt er seine Spannungskurve einem unnötigen Risiko aus und verliert zwischendrin immer wieder den Faden. Das wird auch dadurch unterstützt, dass die Zahl der Protagonisten immer weiter zunimmt. Grandios ist es, zu sehen, wie am Ende fast alle Stränge zu einem Gesamtbild zusammengefügt werden.

Ein Thriller, für den man sich Zeit nehmen und etwas Durchhaltevermögen mitbringen sollte. Insgesamt aber ein guter Krimi, der schön glatt geschrieben ist und intelligent aufgebaut.

Bettina Riedel (academicworld.net)
Samuel Bjork. Engelskalt.
Goldmann Verlag. 12,99 Euro.

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