Wir Ego-Altruisten

In Deutschland finden sechs von zehn Deutschen ihr Leben mittlerweile zu stressig (nach einer Studie der Techniker Krankenkasse): Ein Anstieg von 80 Prozent in den letzten zehn Jahren! Der Druck des Geldverdienens zersetzt Familien, Mitgefühl und Gesundheit. Die psychischen Störungen nehmen zu und mit ihnen die Hirn- und Medikamentenforschung, die einfache, schnelle Heilmittel dagegen entwickeln will/soll, um wiederum Geld zu verdienen, für Shareholder und unsere Rentenfonds. Das vorherrschende Gefühl aus dem zunehmenden Einzelkampf ist: Überforderung, Neid und Missgunst. Dabei gibt es eine Sehnsucht nach den höheren, guten, gemeinschaftlichen Werten, denn nur durch diese tritt das Gefühl des Wohlbefindens ein.

Von Katharina Ohana, Psychologische Beraterin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

Stress, Frust und Egoismus liegen nahe beieinander. Die meisten Arbeitnehmer beschweren sich nicht unbedingt über zu viel Arbeit, aber über unfähige (psychisch unreife, egoistische) Chefs und eine schlechte Firmenpolitik, die nur auf Zahlen und Gewinne setzt. Wertschätzung, Empathie, gute Kommunikation, Zusammenhalt – alles was das soziale Gruppenwesen Mensch unbedingt braucht und von psychischer Reife zeugt– werden aus kapitalistischer Dummheit oder psychologischer Unwissenheit für nicht wichtig genommen oder sogar aktiv abgelehnt. Und das Ideal des gefühlskalten, protestantisch-calvinistischen Kapitalismus erobert weiter die Welt und setzt die alten Teilnehmer immer weiter unter Druck. Denn der Egoismus hinter der Gewinnmaximierung ist sein starker Verbündeter in unserer Psyche. Doch nach dem großen Egoismus folgt immer die Frage nach dem Sinn. Und dann ist soziale Güte und Anerkennung auf einmal das große Ding. Stiftungen werden gegründet (Bill Gates) und altruistische Parolen in Bücher geschrieben (Maschmeyer). Und selbst Diktatoren tun noch so, als hätten sie eigentlich doch immer nur das Wohl aller zum Ziel. Warum ist das so? Warum ist Egoismus und Rücksichtslosigkeit so stark, doch Gemeinnützigkeit und soziales Ansehen noch viel stärker?

Zuerst sind wir kleine egoistische Narzissten, wenn wir auf die Welt kommen. Und dieser sogenannte primäre Narzissmus besteht aus den Gefühlen: Neid, Missgunst, Geltungssucht. Die Welt soll nur für uns da sein. Babys sind keine netten Menschen – sie sind Egoisten mit der Forderung nach totaler und sofortiger Rundumversorgung. Die höheren Weihen der reifen Psyche können nur entstehen, wenn sie uns in einem Umfeld von Respekt und Altruismus beigebracht werden. Und leider bleibt selbst dann der primäre Narzissmus darunter immer bestehen und wir fallen fast alle wieder zurück, wenn unser Umfeld unsere reifen psychischen Eigenschaften anhaltend untergräbt. Doch die modernen Gene des Sozialwesens Menschen fordern auch ihr Recht: Wir fühlen uns wie ohnmächtige Kinder, die ihren Emotionen und ihrem Umfeld ausgeliefert sind, wenn wir nicht in einem guten sozialen Miteinander eingebunden sind. Wir sind Egoisten und werfen der Gemeinschaft doch gleichzeitig vor, dass sie keine Umstände schafft, die uns besser sein lässt. Deshalb halten sich Regime, die nur auf Rücksichtslosigkeit setzen, nicht lange: Letztendlich brauchen wir mehr, um uns richtig wohl zu fühlen – wir brauchen die gute Gemeinschaft. Das Ideal der reifen Psyche ist den Menschen in ihrer Sehnsucht nach sozialem Wohlbefinden genauso tief eingeschrieben, wie der Wille zum eigenen Vorteil. Er ist der höchste eigene Vorteil – auch wenn wir ihn wiederum schwer erreichen und halten können. So bleibt das menschliche Leben immer im Spannungsfeld zwischen Ego und Bindung – hin und her geworfen von diesen sich widersprechenden Strebungen, die dauerhaft nur in einem stabilen Charakter ein gutes ausgeglichenes Miteinander finden und ansonsten von den gerade herrschenden Regeln der Gruppe abhängig bleiben.

Experimente haben gezeigt, wie schnell unsere Psyche zurück kippt, in das unreife Stadium, wenn unser Umfeld Egoismus und Rücksichtslosigkeit gegenüber anderen erlaubt oder sogar gewollt fördert. Das berühmte Milgram-Experiment, auf das ich mich hier ja schon häufiger bezogen habe, ist nur eines davon. Die meisten von uns würden heute wieder zu Nazis, wenn die äußeren Umstände dies fördern würden. Man sieht es auch deutlich an der derzeitigen Diskussion über Zuwanderer. Wir definieren uns (die Arier, die Deutschen) schnell zu Überlegen, die sich gegen Bedrohungen wehren muss (die Juden, die Zigeuner, die Sozialtouristen) – besonders wenn die Angst vorm Verlust der eigenen Vorteile (durch Versailler Vertrag, durch die EU, durch die Globalisierung) überhand nehmen. Der Druck am Arbeitsplatz, der Frust und die Verlustangst setzen sich hier fort, in größeren politischen Dimensionen. Die Psyche igelt sich ein und verteidigt sich mit giftigen Stacheln, wenn das Gemeinschaftsgefühl sich auflöst.

Nur gute Führung macht dauerhaft erfolgreich, weil die Mitarbeiter sich nicht ausstechen sondern produktiv helfen, zum Wohle aller. Das fand die Hochschule St. Gallen heraus. Ein Chef muss erwachsenes Vorbild sein, Talente erkennen und fördern. Doch in 9 von 10 Fällen führt aktuell der Kontakt mit dem Vorgesetzten zu Frust, Ärger, Enttäuschung. Die Gesundheitskosten steigen, die Menschen sind immer häufiger mit Krankheiten konfrontiert, die Verschleißerscheinungen sind. Rücksichtslosigkeit und interne Kriege nehmen zu. Man sollte Führungskräfte daher nicht mehr nach Rendite bewerten, sondern nach dem Krankenstand und Jobwechsel ihrer Untergebenen. Firmen, die all dieses Wissen wirklich umsetzen würden, hätten definitiv enorme Vorteile. Regierungen und größere Wirtschaftssysteme übrigens auch.


Stand Januar 2014

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