Wintertochter

Ein Roadmovie zwischen Deutschland und Polen, die Identitätssuche eines Mädchens und einer alten Frau, ein Generationen- und Geschichtsdialog – All das ist der Jugendfilm „Wintertochter“, ab 20.10. im Kino.

Filmplakat zu ‚Wintertochter‘, dem neuen Film von Johannes Schmid © Zorro Film

Von Berlin Richtung Polen
Gerade als es an Heiligabend so schön weihnachtet bei der 12-jährigen Katharina, genannt Kattaka (ernsthaft und störrig: Nina Monka), Mutter Margarete (Katharina Marie Schubert) und Vater Daniel (Maxim Mehmet), bimmelt das Telefon, um gewissermaßen einen neuen Lebensabschnitt für die bislang glückliche, bald ein Baby erwartende Kleinfamilie einzuläuten. Am Apparat ist Alexej (Merab Ninidze), ein momentan in Stettin weilender russischer Seemann.

Wie Kattaka von den aufgewühlten Eltern erfahren muss, ist er ihr leiblicher, wenn auch unwissender Vater. Völlig verstört von diesem überraschenden Bekenntnis und außerordentlich wütend auf die bisher verschwiegenen Eltern beschließt sie, jenen Fremden aufzusuchen. Hilfe erhält sie von der 75-jährigen Nachbarin Lene (resolut und mürrisch: Ursula Werner) sowie deren schrottreifen Barkas-Kleinbus, in den sich noch Kattakas Freund Knäcke (munter und unbefangen: Leon Seidel) einschmuggelt.Als ungleiches Trio trudeln sie von Berlin aus Polen entgegen, um dort letztendlich sich selbst zu begegnen.

Eine hübsche Geschichte zweifellos, auch wenn sie etwas nach Drehbuchseminar klingt. So wirkt die Ausgangssituation, nämlich der plötzliche Anruf von Alexej, bemüht, wie auch Kattakas Reaktion darauf überzogen scheint. Immerhin lebt sie in einer liebevollen Gemeinschaft, in der Zuneigung dominiert, nicht die biologische Abstammung. Dass sie gleich den Ausbruch wagt, dient vielmehr als dramaturgischer Kniff, um die innere Reise der Protagonisten in die Außenperspektive eines Roadmovies umzusetzen.

Auch für Lene wird die Fahrt zur Herausforderung, stammt sie doch ursprünglich aus Masuren und wurde auf der kriegsbedingten Flucht von dort zur Waisen. Sie will symbolisch den toten Eltern aus der Vergangenheit begegnen, Kattaka real dem lebenden Vater für die Zukunft. Da raschelt durchaus das Skriptpapier. Trotzdem ist „Wintertochter“ ein guter Film geworden, weil ausgesprochen einfühlsam gespielt sowie inszeniert. 

Die Frage nach der Herkunft
Wie schon in seinem Erstling „Blöde Mütze!“ nimmt Regisseur Johannes Schmid seine Figuren wunderbar ernst. Ohne sich mit Schaueffekten oder popkulturellen Mätzchen beim (jugendlichen) Publikum anzubiedern, orientiert er sich vielmehr an deren Gefühls- und Lebenswirklichkeit. Seine ruhige Diktion findet ein Pendant in der atmosphärisch-bedachtsamen Kamera von Michael Bertl, die wiederum die Stille einer kargen Winterlandschaft aufsaugt.

Großaufnahmen von Gräsern am verschneiten Ostseestrand sind mehr als pittoreske Bebilderung, nämlich Ausdruck einer Umgebung, wo emotionale Spannungen von der Weite des Raumes verstärkt, aber auch relativiert werden können. Hier erfahren Kattaka und Lene das Unerwartete bzw. Verdrängte, konzentriert in ihrer Suche nach Identität, nach Heimat und Zugehörigkeit.

Ganz unspektakulär sind in die Reise von Berlin nach Stettin, später nach Danzig, die Konflikte zwischen Kattaka und Lene eingeflochten, bei der einen durch rebellische Auflehnung motiviert, bei der anderen durch Angst vor bitteren Erinnerungen. Gleichzeitig wird die Freundschaft unter Kindern beschworen. Nicht allein der impulsive Knäcke ist ein treuer Begleiter Kattakas, auch der in Polen zu ihnen stoßende Waldek (freundlich und aufrichtig: Dominik Nowak) erweist sich als mehr als nur ein zuverlässiger Dolmetscher. Vielleicht können sie zusammen nie die Welt erobern, aber ihre kameradschaftliche Solidarität basiert auf dem ehrlichen Wunsch, sich einander anzunehmen.

Auf der Suche nach ihrem Vater: Kattaka © Zorro Film

Aus der Geschichte hinein ins Leben
Dass der so zwanglos reduziert wirkende Film „Wintertochter“ von Weihnachten bis Silvester spielt, also exakt zwischen den Jahren, passt perfekt zum narrativen Grundton. In jenen Tagen scheint die Zeit immer irgendwie auszusetzen, das Alte ist noch nicht ganz vorbei und das Neue noch nicht ganz da. Auch die bislang behütete Kattaka wird abrupt aus der Geborgenheit ihrer Familie gerissen, kann in ihrer jugendlichen Bedingungslosigkeit nur schwer das Unperfekte akzeptieren.

Lene wiederum hat sich aus Furcht vor Trauer und Verlust einen einsam machenden Schutzpanzer, so stark wie ihre Emotionen, zugelegt. Jede für sich allein und doch in gegenseitiger Unterstützung wagen sie während ihrer winterlichen Tour den Neuanfang, der eigentlich nur bedeutet, dass man das bisherige Leben mit frischem Elan wieder angehen kann.

Dazu gehört auch die Konfrontation mit Geschichte, die in einer Begegnung der vier Reisenden mit zwei alten, noch von der deutschen Besatzung während des Zweiten Weltkrieges gezeichneten Bauern gipfelt. Auf einem Hof inmitten der polnischen Einöde lassen nachdenkliche Stille und vorbehaltloses Entgegenkommen dieses Zusammentreffen zu einer glaubwürdigen, höchst unaufdringlichen Annäherung zwischen Generationen und Nationalitäten geraten – vielleicht die feinsinnigste Szene des Films.

Gut, dass solche Historie längst Geschichte ist, und dass Schicksale wie das von Lene in Westeuropa heute nur noch erzählt, jedoch nicht mehr ertragen werden müssen. So gesehen ist das abschließende Feuerwerk eine in mehrerer Hinsicht hoffnungsvolle Option auf Zukunft.

(Nathalie Mispagel, Kinoexpertin auf academicworld.net)

Wintertochter

Zorro Film
Regie: Joahnnes Schmid
Darsteller: Ursula Werner, Nina Monka, Leon Seidel, Dominik Nowak
Kinostart: 20. Oktober 2011


Stand: Herbst 2011

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