Winter’s Bone. Worüber man schweigt …

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Die U.S.A. jenseits von Hollywood, Reiseführern und der öffentlichen Wahrnehmung ist ein unbekanntes Land im Zustand der Anti-Zivilisation, wo schon der Alltag existenzielle Überlebensinstinkte erfordert. Nicht die Starken halten durch, sondern die Hartnäckigen.

Abseits des „American Way of Life“: die 17-jährige Ree Dolly (Jennifer Lawrence); © ascot

Zurückversetzt

Ohne Countrymusik oder Crystal Meth, am besten gleich mit beidem, lässt sich das Leben in den Ozark Mountains im südwestlichen Missouri kaum ertragen. Mitten im Herzen Amerikas liegt diese Hochebene, und doch könnte sie dem zukunftsweisenden Bild, das die Weltmacht nach außen abzugeben versucht, nicht ferner sein. Wer hier „in the middle of nowhere“ wohnt, vielfach Vertreter des Präkariats, muss sich einerseits gegen die abweisende Umwelt behaupten, andererseits einem regionalen, äußerst rigiden Verhaltenskodex beugen. In strenger Abgrenzung zur Außenwelt wurde ein bizarrer Binnenkosmos geschaffen, von dem man kaum glauben möchte, dass dergleichen heutzutage überhaupt noch existiert. Das Ozark-Plateau markiert keineswegs das Ende der westlichen Zivilisation – bis hierher ist sie offensichtlich nie gedrungen.

Irgendwo in dieser geographischen wie ethischen Einöde abseits des „American Way of Life“ kümmert sich die 17-jährige Ree Dolly (Jennifer Lawrence) pflichtbewußt um zwei jüngere Geschwister sowie die psychisch kranke, katatonische Mutter, während der in dubiose Drogendeals verwickelte Vater Jessup durch Abwesenheit glänzt. Urplötzlich wird letzteres zum Problem, weil Jessup, wie Ree von Sheriff Baskin (Garret Dillahunt) erfährt, verhaftet und auf Kaution freigelassen wurde und dafür sein Haus samt Waldstück verpfändet hat. Trifft er nicht rechtzeitig zum angesetzten Gerichtstermin ein, ist aller Besitz verloren. Für Ree gilt es nun, den Vater binnen einer Woche zu finden, will sie nicht mit den ihr Schutzbefohlenen auf der Straße landen.

Isolation am Ende der Welt; © ascot

Zurückgeblieben

Das Sozialdrama „Winter`s Bone“ verursacht als atmosphärisch geradezu unheimlich dichte Quasi-Dokumentation einen Kulturschock. Ree existiert mit ihrer Familie an der absoluten Armutsgrenze, wohnt in einer heruntergekommenen Blockhütte, trägt zerschlissene Kleidung, schießt gelegentlich Eichhörnchen im Wald und ist trotzdem auf Nahrungsgeschenke von Nachbarn angewiesen, bei denen sie ebenfalls ihr hungriges Pferd zum Heufressen vorbeibringen darf. Jegliche sozialen Kontakte der Einheimischen sind von einem hohen Maß an Mißtrauen geprägt, haben doch die harten Lebensbedingungen zu allgemeiner Desillusionierung und schroffer Lethargie, unterwandert von Verzweiflung, geführt. Immerhin lassen sich fragile Solidaritätsbande zwischen den Frauen ausmachen, etwa mit der verständnisvollen Nachbarin Sonya (Shelley Waggener) oder Rees Freundin Gail (Lauren Sweetser), die sich sogar gegen ihren unmöglichen Ehemann durchsetzt und dessen Wagen für sie ausleiht.

Weitaus bestürzender als die wirtschaftliche Situation sind freilich die gesellschaftlich-archaischen Konditionen, der sich jeder ohne Ausnahme zu fügen hat. Geeint werden die Bewohner nicht nur durch weitreichende Verwandtschaftsbeziehungen, sondern diffuse Abhängigkeiten, geschaffen von illegalen Geschäften, zementiert von einem dogmatischen Schweigegelübde gegenüber offiziellen Stellen. Im Kontext solch absonderlicher Loyalitäten werden sämtliche, vor allem die sich aus illegalen Machenschaften ergebenden Probleme, intern geregelt, gerne auch unter Zuhilfenahme von Selbstjustiz. Das Sagen hat allein der lokale Drahtzieher Thump Milton (Ron „Stray Dog“ Hall), dessen Sippe eine Bereicherung für jeden Backwood-Slasher wäre. Überhaupt herrscht in diesem Teil Amerikas eine Art echter Horror, kreiert aus moralischer Inzucht, emotionaler Grobheit, bösartiger Dummheit. Die heikle Grenze zur Unkultiviertheit ist längst überschritten.

Mitstreiter Onkel Teardrop (John Hawkes); © ascot

Zurückgewiesen

Regisseurin Debra Granik gibt mit ihrer Independent-Gesellschaftsstudie authentische Einblicke in eine befremdende Lebensform, von der die meisten gar nichts wissen, ja nichts wissen wollen. Ihr schonungsloser Blick legt die Strukturen und Mechanismen einer kargen, hermetischen Welt frei, wobei dessen allergrößter Verdienst darin besteht, nicht zu be-/verurteilen. Da ist keine Abschätzigkeit zu erkennen, kein despektierlicher Subtext, sondern nur der mit ethnographischem Drift aufgeladene, cineastische Wille, Kino auch über den Rand des offiziell gesellschaftlich Registrierten auszudehnen. Jenseits von Illusion und Sentimentalität, mit denen Hollywood vorwiegend zu beeindrucken versucht, liegt ein Universum im Bann filmwirtschaftlicher Ignoranz. Eben dort ist „Winter`s Bone“, beruhend auf dem gleichnamigen, vom Autor selbst als „country noir“ bezeichneten Roman von Daniel Woodrell, angesiedelt in all seiner ausgereift-unaufdringlichen Dramaturgie und seinem unerbittlichen Realismus.

Nachdem Ree die fast aussichtslose Suche nach ihrem Vater begonnen hat, stößt sie allerorten auf Argwohn. Niemand will ihr wirklich helfen, und auch sie soll aufhören, Fragen zu stellen. Doch das kann sie nicht. Wenn sie sich diesem Gebot beugt, verliert sie alles. Ohne Hoffnung, ohne Aussichten, ohne Hilfe, doch von einem unerschütterlichen Überlebenswillen angetrieben folgt sie ihrem Kurs, wird verachtet, bedroht, schließlich zusammengeschlagen. Einmal versucht sie während einer Rinderauktion Thump anzusprechen, rennt auf Hängestegen über der gewaltigen Halle voller Eisenpferche ihm hinterher, während die Kamera immer wieder auf die unten stehenden Kälber zoomt. Ebenso wie sie ist Ree von ihrem Schicksal eingezäunt, doch vermag sie sich anders als die wehrlosen Tiere dagegen aufzulehnen.

Eben dieser eigensinnige Widerstand, diese stumm-renitente Gegenwehr beeindrucken selbst ihren Onkel Teardrop (großartig zwischen bedrohlich und gewogen: John Hawkes), der sich entschlossen auf ihre Seite schlägt. Im Endeffekt braucht es jedoch zusätzlich das äußerst fragwürdige Entgegenkommen von Thumps weiblichen Clanmitgliedern, um Ree endlich Gewissheit über den Verbleib ihres Vaters zu verschaffen. Während einer schaurigen nächtlichen Bootsfahrt wird sie Ungesagtes erfahren und Unerhörtes tun.

Endlich etwas Normalität für Ree und ihre Geschwister? © ascot

Zurückerobert

Der Filmtitel paraphrasiert den Ausdruck „to throw someone a bone“, meint also, dass Ree im Winter ein kleines, gleichwohl besonderes Geschenk zuteil wird. Eine weitere Assoziation lässt sich aus dem Deutschen ableiten: Ree ist ein „toughie“, ein „harter Knochen“, an dem sich die örtliche Gemeinde ihre Zähne ausbeißt. Dabei könnte sie doch noch fast ein Kind sein, zur Schule gehen, Freunde kennenlernen und dürfte noch nicht die Verantwortung für eine komplette Familie tragen. Trotzdem beschwert sie sich nicht, klagt nicht, weint (fast) nie, aber sie lacht auch nie. In ihrer zweifach codierten Einsamkeit lebt sie am Rande des Machbaren, fern der Gesellschaft und geht obendrein auf Konfrontationskurs zu den ungeschriebenen Gesetzen ihrer lokalen Gemeinschaft. All die Kraft, die hierfür nötig ist, weiß Jennifer Lawrence in ihrer eindrucksvollen, unprätentiösen Darstellung zu bündeln. So spröde ihre Umgebung ist, so unzugänglich erscheint Rees Wesen, das im Gegensatz zur latenten Stumpfheit der anderen Bewohner aber über sensibilisierte Aufmerksamkeit verfügt. Vor allem liegt da eine Klarheit in ihrem Gesicht, die von keinem Rückschlag und keiner Verletzung je geraubt werden könnte. Jennifer Lawrence macht ihre Ree zu einer wahrhaft Aufrechten.
In einem Interview hat Debra Granik gesagt: „Ein Leben im Zyklus aus Anstrengung, Hindernissen und erneuten Versuchen – das ist etwas, was ich dokumentieren und zeigen möchte.“ Es ist ihr gelungen. Als Ree am Ende zusammen mit ihren Geschwistern und der Mutter Wäsche aufhängt, scheint sich ein winziges Lächeln auf ihre Lippen zu schleichen. Soviel Normalität war ihr schon lange nicht mehr vergönnt. Endlich hat sie es geschafft, die Vergangenheit in Gestalt der Taten ihres Vaters abzuschütteln. Eine Zukunft bleibt in diesem abgeschiedenen, tristen Milieu sowieso ungewiss, weshalb es bereits einen imponierenden Erfolg bedeutet, sich die Gegenwart zurückerobert zu haben. Die mag „miles from anywhere“ liegen, ist jedoch existent. Das muss reichen.

Diese Filmkritik ist von

Nathalie Mispagel, Kinoexpertin auf academicworld

Winter’s Bone
USA 2010

Regie: Debra Granik
Darsteller: Jennifer Lawrence, John Hawkes, Lauren Sweetser, Kevin Breznahan, Isaiah Stone, Shelley Waggener, Ashlee Thompson, William White, Casey MacLaren, Valerie Richards, Beth Domann, Tate Taylor

Verleih: Ascot Elite
Kinostart: 31.03.2011


Stand Februar 2011

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