Willkommen auf der Reise zu dir selbst!

Marc Levy tut es schon wieder. Der bekannte und viel gepriesene Autor legt nach: mit „Die zwei Leben der Alice Pendelbury“ entführt er seine Leser auf eine Reise von London nach Istanbul, die am Ende für Alice zur Reise nach Hause wird. Doch liegt das Gute auch wirklich immer so nah?

Rezension Marc Levy

Miss Alice Pendelbury ist eine alleinstehende Engländerin. Sie ist elegant, selbstbewusst, eigenständig – das typische Produkt der englischen Gesellschaft nach dem ersten Weltkrieg. Als sie eines Tages nach einem vergnüglichen Tag mit ihren Freunden in Brighton aus Jux die Dienste einer Hellseherin beansprucht, erhält sie eine ebenso unerwartete wie unwahrscheinliche Wahrsagung. Ein zweites Leben soll sie haben, das seit langer Zeit auf sie wartet.

Der erste Schritt einer langen Reise

Eine Engländerin sei sie übrigens auch nicht, bemerkt die Wahrsagerin ganz nebenbei. Ihr wahres Leben könne sie nur in Istanbul finden. Genauso wie ihre große Liebe übrigens, die vor ein paar Momenten hinter ihr vorbei gegangen sei. Doch bevor sie diese endlich findet, muss sie noch sechs andere Männer kennenlernen.

Der Zweifel nagt nicht, er beißt

Obwohl Alice ein grundlegend bodenständiger Mensch ist, kommt sie zu Hause von der Wahrsagung nicht los. Zurück in ihrer Wohnung findet sie keine Ruhe. Abgesehen davon, dass die Wände, typisch London, recht dünn sind. Folglich muss sie sich für etwas Ruhe noch ihrem lautstark Klavier spielenden Nachbar stellen. So lernt sie Ethan Daldry kennen. Selbige Bekanntschaft mit selbigem Herr vertieft sich im Laufe der nächsten Wochen und eine latente Freundschaft scheint zu entstehen. Schließlich schafft er es, sie davon zu überzeugen, mit ihm die Reise nach Istanbul anzutreten. Ist er vielleicht sogar der erste der sechs Männer auf Alices Reise zu ihrem wahren Leben?

Glaubhafte Charaktere

Alice Pendelbury ist eine Frau, wie jede von uns sie sein könnte. Sie würde gerne lieben, doch traut sich nicht so recht. Sie steht mit beiden Beinen im Leben, aber zweifelt an Gott und der Welt, vor allem aber an sich selbst. Sie weiß, was nüchtern betrachtet sinnvoll ist im Leben, aber fragt unbewusst nach so viel mehr für ihr Glück.

Die Rolle des Ethan Daldry ist eine sich wandelnde – erst vermutet man, er hätte das Potenzial zur großen Liebe der Miss Pendelbury, muss sich dann aber den möglicherweise zwielichtigen Motiven seiner Reise stellen. Einige Seiten später scheint er allerdings gar kein übler Bursche zu sein. Kurz: Man wird nicht schlau aus ihm. Doch was ist am Ende seine wirkliche Rolle?

Marc Levy schildert seine Personen so glaubhaft, dass man schnell das Gefühl hat, sie zu kennen. Unwillkürlich ertappt man sich dabei, wie man für einen der Charaktere Partei ergreift und erst einen Takt später realisiert, dass es sich nur um eine Erzählung handelt.

Elegant kurzweiliges Kopfkino

Der Schreibstil: Genauso elegant, wie man sich Alice Pendelbury vorstellt. Die Worte fließen dahin, die Sätze greifen ineinander und bilden einen Fluss an Emotionen und Bildern, die vor dem inneren Auge auftauchen und wieder verschwimmen. Es ist meiner Meinung nach sehr selten, dass man eine Geschichte findet, deren Inhalt man zwar per Wort vermittelt bekommt, aber direkt beim Lesen sich in echtes, genussvolles Kopfkino verwandelt. Auf diese galante Art verarbeitet Marc Levy in diesem Roman ganz nebenbei einen dunkleren Teil der türkischen Geschichte.

Marc Levy Art zu erzählen ist dabei nicht einmal übermäßig kompliziert und noch dazu nicht im Geringsten langweilig. Eine Entwicklung ergibt sich aus der nächsten, sodass dem Leser durchgehend Kurzweil geboten wird, ohne ihn der Reizüberlastung anheim zu geben.

Schade ist lediglich, dass der weitere Verbleib von Alice Pendelbury und/ oder Ethan Daldry schlussendlich offen bleibt. Bleibt einer in Istanbul, während der andere unbehelligt in England seine Existenz entfaltet?

Oops, he did it again.

Marc Levy tut es schon wieder. Der zu Recht hoch gelobte Autor legt mit seinem neuen Roman „Die zwei Leben der Alice Pendelbury“ eine Erzählung hin, die den Leser bis zuletzt in spannender Ungewissheit wiegt. Fesselnd bis zum Ende, durchweg unterhaltsam erzählt – eine Geschichte, in die man abtaucht und nicht mal zum Atmen wieder hochkommen möchte.
Uneingeschränkte Empfehlung!

Bettina Riedel (academicworld.net)

Marc Levy – Die zwei Leben der Alice Pendelbury
19,99 Euro. Blanvalet

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