Willie Sutton – ein anständiger Kerl? Die Lebensgeschichte eines Bankräubers

New York aus Sicht eines Bankräubers – auf einer Tour durch die Stadt erinnert sich Willie Sutton, „Willie the actor“, an Stationen seines Lebens, seiner Raubzüge, seiner Motive…

Der berühmt-berüchtigte Bankräuber Willie Sutton wird an Weihnachten 1969 aus dem Gefängnis entlassen – begnadigt nach Jahrzehnten der Haft. Fast sein halbes Leben hat er hinter amerikanischen Gittern verbracht – nun gewährt er ein Interview, sein erstes und einziges nach seiner Entlassung. Er begibt sich mit „Schreiber“, einem Journalisten, und „Knipser“, dessen Fotograf, einen Tag lang auf eine Reise durch New York – auf Stationen seines Lebens, die ihn geprägt und zu dem gemacht haben, für das er weltweit einen fragwürdigen Ruhm erlangte: Ein Bankräuber, der mit seinem Hass auf die amerikanischen Banken und seinen stets gewaltlosen, fast schon schauspielreifen Überfällen zum Nationalhelden der amerikanischen Unterschicht avancierte. Suttons Rebellion gegen die amerikanische Gesellschaft, in der er als Sohn eines Schmiedes, aufgewachsen in den Slums von New York, keinerlei Chancen bekam, bestimmte sein Leben – seinen Kampf ums Überleben. Kraft schöpft er immer wieder aus der Literatur und so werden Bücher wie die Bibel und des Cicero ebenso wichtig für ihn, wie die Sehnsucht nach seiner großen Liebe Bess. Sutton erfährt auf seiner Entdeckungstour durch das New York von 1969, wie sehr sich die Stadt seit seiner ersten Verhaftung im Jahr 1926 verändert hat – und doch New York geblieben ist. Es scheint, als haben New York und Sutton etwas wesentliches gemeinsam: auch Suttons Leben hat sich entwickelt, gewandelt, und dennoch ist er immer noch Willie Sutton – mit all seinen Hoffnungen und Träumen vom Leben mit einer fairen Chance für alle.

Faszination Willie Sutton

J. R. Moehringer hat sich bewusst für eine Geschichte über den „Robin Hood“ Amerikas entschieden. Er ist, nach eigenen Aussagen, „fasziniert von Sutton, dem Inbegriff von New York und allem Männlichen“. Eingebunden in eine journalistische Ein-Tages-Tour durch New York, die auf wahren Begebenheiten beruht und so oder so ähnlich tatsächlich stattgefunden haben könnte, lässt er Suttons Vergangenheit lebendig werden: Sutton erinnert sich an wichtige Stationen seines Lebens, seine Raubzüge, an Wendepunkte und an seine große Liebe. Und der Leser ist dabei, erhält Einblicke in Suttons Welt, in sein Leben, das sicherlich nicht einfach war, und lässt die Frage aufkommen, ob dies alles die „Karriere“ Suttons rechtfertigt, rechtfertigen kann. Immerhin lebte Sutton in der Zeit der amerikanischen Depression. Die Zeiten waren schwer, nicht nur für ihn. Und dennoch kommt der Leser nicht umhin, eine gewisse Sympathie zu diesem „ehrbaren“ Mann aufzubauen, der sich für die Literatur begeistert, der hoffnungslos in eine Frau verliebt ist, stets mit seinem Schicksal hadert, die Schuld für all seine Missgeschicke und Taten jedoch stets bei anderen sucht – bei der amerikanischen Gesellschaft, den Banken, reichen Amerikanern wie Rockefeller und J.P. Morgan sowie scheinbaren Freunden, die sich teilweise als Verräter entpuppen. Und so teile ich nach der Lektüre dieses Buches die Faszination des Autors. Gefesselt folgte ich dem Lebenslauf des berühmten Bankräubers von New York, der trotz allem die Hoffnung nie aufgab.

Emotionaler und authentischer Stil

Moehringers eigensinniger und wohl ganz persönlicher Schreibstil ist zu Beginn etwas gewöhnungsbedürftig. Aber recht bald gewöhnt man sich an das Fehlen der Kennzeichnung von wörtlicher Rede und vieler Namen. Man übernimmt „Knipser“, „Schreiber“ und „Psycho“ als Bezeichnungen und immerhin werden so Verwechslungsgefahren vermindert. Fürchtete ich zunächst, dass das Weglassen der Kennzeichen wörtlicher Rede den Lesefluss hindert und auf Kosten der Gefühlstiefe geht, so wurde ich eindeutig eines Besseren belehrt: Emotionen und Hintergründe lassen sich sehr gut nachvollziehen. Es gibt rührende wie auch stahlharte Momente in Suttons Leben, die sehr emotional und authentisch beschrieben werden.

Eigene Meinungsbildung des Lesers

Auch die Situation New Yorks, die Depression, die Prohibition, die Lage der verzweifelt nach Arbeit suchenden Bevölkerung, die versucht, in all dem Chaos zu überleben, der Kontrast zwischen arm und reich wird deutlich geschildert, jedoch mit einer Feinfühligkeit, die beeindruckt und nachdenklich stimmt. Dennoch bleibt es am Ende dem Leser selbst überlassen, ob er die Motive und das Schicksal Suttons  verstehen und nachvollziehen kann.

Im Prolog erklärt der Autor, wie es zur Entstehung von „Knapp am Herz vorbei“ kam beziehungsweise gibt einen kurzen, aber prägnanten Einblick in Wahrheit und Fiktion. Das Glossar, in dem einige Stationen und Begriffe näher erklärt werden, runden das Gesamtbild ab.

Fazit

Ein sehr informatives und äußerst interessantes Porträt eines „Gentlemen-Bankräubers“, das mich durch seinen außergewöhnlichen, fesselnden Schreibstil nicht nur gut unterhalten hat, sondern der mir die Welt eines berühmten und von vielen fast schon verehrten Bankräubers gezeigt hat. Auch wenn man über seine Motive und seinen Werdegang geteilter Meinung sein kann, bin ich fasziniert von dessen Leben. „Knapp am Herz vorbei“ – Sehr empfehlenswert!

Birgit Theis, academicworld-userin

J.R. Moehringer. Knapp am Herz vorbei
19,99 Euro. S. Fischer

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