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Coursera.com schickt sich an, dem kostenlosen E-Learning zum Durchbruch zu verhelfen. Davon profitieren nicht nur User, sondern auch Hochschulen, die weltweit ihre Lehre präsentieren können.

Von David Lins

Ein großer Schritt zur Globalisierung der Lehre?

Räder werden selten neu erfunden. Aber Räder können runder werden. Es ist keine große Neuigkeit, dass das Internet voller Wissen steckt. Man findet in sekundenschnelle den Erfinder des Theremins oder eine Antwort auf „muss ich sterben, wenn ich die grünen Keime an einer Zwiebel esse”.

Zu so gut wie jedem Thema existiert ein Eintrag bei Wikipedia, zu fast jeder Trivialfrage eine Antwort, oft genug gebildet durch die Schwarmintelligenz der User.  Auf der Strecke bleiben häufig Didaktik und große Zusammenhänge – quasi die Kernkompetenzen der Hochschulen. E-Learning-Initiativen gibt es seit etlichen Jahren, jedoch tauchen dabei zwei gro ße Anfangsproblematiken auf. Einerseits das archetypische Internetphänomen: Alles ist da, nur kein Mensch weiß wo. Andererseits: Nicht jede Uni ist in der Lage, Konzepte vernünftig umzusetzen, Kapazitäten und technische Voraussetzungen zu schaffen. Das in Stanford gegründete Start-up Coursera knüpft die beiden losen Enden nun seit gut einem Jahr zusammen und ermöglicht es Hochschulen auf der ganzen Welt, Lehrveranstaltungen online verfügbar zu machen.

Lehrveranstaltungen weltweit präsentieren: Auch Hochschulen profitieren

Rund 70 Universitäten entschieden sich bisher für die Partnerschaft, nicht zuletzt weil sie ein einfacher Weg ist, sich auf der ganzen Welt zu präsentieren. Der “War of Talents” ist schon lange auch in der akademischen Welt ausgebrochen und unter den 3,5 Millionen eingeschriebenen Nutzern finden sich nicht wenige Minderjährige, die irgendwann den Weg an eine Real-Hochschule finden werden.  Universitäten können durch herausragende Kurse hier schon frühzeitig High Potentials auf sich aufmerksam machen und diese an sich binden. Die User freut in erster Linie jedoch das wirklich einfache und kostenlose System sowie die technisch durchdachte und ausgereifte Umgebung. Der Großteil der Inhalte wird über herunterladbare Video-Vorlesungen in hoher Bildqualität und Skripte vermittelt, der Austausch der Kursteilnehmer erfolgt in Foren, die Wissensabfrage schließlich über Multiple-Choice-Tests oder zeitlich begrenzt offenstehende Freitextfelder. Coursera nutzt die Möglichkeiten des Web 2.0 nahezu perfekt und macht auch sonst sehr vieles richtig.

Beispielhafte Klarheit: Ein erster Blick auf die Startseite erklärt das gesamte Konzept der Webseite.

Wer zum ersten Mal über die Seite stolpert, braucht nicht länger als zwei Wimpernschläge, um verstanden zu haben, um was es bei der ganzen Sache geht. Ganz und gar unschädlich ist zudem, dass mit Daphne Koller und Andrew Ng zwei Dozenten hinter dem Projekt stehen, die genau wissen, was Lehre bedeutet. Und nicht zuletzt: Die wissen, wie die Realität an den Hochschulen aussieht und wo es normalerweise hakt. „Wenn ich in einer Vorlesung eine Frage stelle, dann kommt die bei 80 Prozent der Studenten gar nicht an, weil sie noch den letzten Satz aufschreiben, den ich gesagt habe. Fünfzehn Prozent sind gerade bei Facebook und ein Schlaukopf in der ersten Reihe prustet die Antwort raus, bevor irgendjemand sonst die Chance hatte, über die Frage nachzudenken,” berichtet Koller. Bei Coursera unterbricht hingegen eine interaktive Freitextmaske an dieser Stelle die Vorlesung und „zwingt” jeden Kursteilnehmer sich an dieser Stelle, selbst und allein mit der Fragestellung zu beschäftigen.

Lediglich akademische Weihen gibt es noch nicht zu erlangen, was in erster Linie daran liegt, dass der Beweis der selbst und allein erbrachten Leistung schwer zu führen ist. Aber es gibt interessante Ansatzpunkte, an denen getüpfelt wird. So soll zum Beispiel anhand des usertypischen Tas-tenanschlags die Identität des Prüflings festgestellt werden können. Dafür müssten natürlich im großen Stil personenbezogene Daten gesammelt werden, was immer Mahner auf den Plan ruft. Denn was Coursera sonst noch umtreibt, ob das Unternehmen wirklich so gut und edel ist, darüber zerbrechen sich die Internet-Insider noch die Köpfe. Zumindest wurde schon eine Art Career-Service gestartet, der Studenten mit potenziellen Arbeitgebern verknüpfen könnte.

Kampf dem E-Unterschleif: Noch viele Hürden bis zum E-Diplom

Für die beiden deutschen Universitäten geht das Experiment im Sommer los. Das Lehrangebot der LMU bei Coursera startet mit zunächst vier Kursen: BWL-Professor Tobias Kretschmer lehrt „Competitive Strategy“. Barbara Conradt, Professorin für Zell- und Entwicklungsbiologie, geht in ihrem Kurs „Programmed Cell Death“ der Frage nach, warum Zellen sterben und wie man dem Zelltod wissenschaftlich auf den Grund gehen kann.

Die Humboldt-Preisträger Stephan Hartmann und Hannes Leitgeb bieten eine „Introduction to Mathematical Philosophy“ an. Donald Dingwell, Generalsekretär des Europäischen Forschungs – rates und Lehrstuhlinhaber für Mineralogie und Petrologie am Department für Geo- und Umweltwissenschaften der LMU, behandelt ein vulkanologisches Thema. Unter www.lmu.de/moocs kann man sich über Stand und Kursprogramme weiter auf dem laufenden halten. Auch die TU München lässt mit „Einführung in Computer Vision” in Kürze ihren Versuchsballon steigen. Allerdings wartet auf Dozent Martin Kleinsteuber noch eine Menge Arbeit: „Die Art der Präsention ist eine völlig andere als bei einer Live-Vorlesung, allein schon, weil bei Videos Perfektion vorausgesetzt wird.” Er rechnet mit dem Start des Kurses im Januar 2014. „Das Ganze hat einen hohen Stellenwert für die Universität. Wir betreten hier größtenteils Neuland, auch wenn wir schon länger digi – tale Inhalte auf unserer Plattform Moodle anbieten.” Hier bekommt Kleinsteuber bereits viel positives  Feedback von seinen Studenten. Deren Zahl dürfte im kommenden Jahr allerdings extrem steigen. Gleich nach der Veröffentlichung auf Coursera hatten sich 5.000 User auf die Watchlist für seinen Kurs gesetzt.


2011 von den Stanford-Dozenten Daphne Koller und Andrew Ng gegründet, wurde coursera.com im April 2012 gelaunched. Nach einem Jahr Online-Betrieb finden sich dort mittlerweile über drei Millionen eingeschriebene Nutzer sowie 70 Hochschulen, die ihre Kurse kostenlos zur Verfügung stellen. Auch Deutschland ist seit kurzem mit der Ludwig-Maximilians- sowie der Technischen Universität München vertreten.

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