Wetten, dass …

Am Samstag habe ich nach vielen Jahren mal wieder die „Wetten dass….?-Show“ angeschaut. Es war in letzter Zeit viel ausschließlich negative Kritik zu hören und so wollte ich mir mal selbst einen Eindruck über dieses Fernsehevent machen (wie es jetzt neudeutsch heißt), das über viele Jahre den Anspruch hatte, die beste Unterhaltung in Deutschland zu bieten.

Von Katharina Ohana, Psychologische Beraterin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

 

 

Katharina Ohana, Psychologische Beraterin und Autorin

„Wetten dass…?“ war sicher mal der Spiegel unserer modernen deutschen Kultur der 80er und 90er Jahre, jenseits von Kriegsschuld und inmitten erstarkendem deutschen Selbstbewusstsein. Viele Wetten basierten auf deutscher Technik, deutschen Handwerkergründlichkeit, deutscher Präzision, deutscher Vereinskultur und nicht zuletzt deutscher Tüftel-Verschrobenheit. Thomas Gottschalk bewies, dass wir Deutschen doch Spontanität und Humor besitzen – bis in irgendeine Halle in Detmold oder Bruchsal hinein. Weltstars kamen zu Besuch und saßen auf demselben Sofa, wie unsere heimischen Lieschen-Müller-Sternchen, deren plötzliche Bescheidenheit den Stolz dann wieder gesund schrumpfen ließ.

Ich möchte hier nicht in die allgemeine Kritik an der Sendung einstimmen, denn das Offensichtliche hat Spiegel Online sowieso schon auf den Punkt gebracht. Auf Markus Lanz wird sehr sehr eingedroschen (er hat das Wort „sehr“ nicht ein einziges Mal ohne Verdopplung verwendet am Samstag), dass er einem mittlerweile Leid tut. Denn eigentlich glaube ich, dass er und die Sendung nach wie vor nur ein Spiegel unserer Zeit sind. Der Fehler liegt nicht bei ihm sondern im System, in unserer Kultur, in unserer postkapitalistischen orientierungslosen Welt-Werteordnung.

Markus Lanz ist ein netter, hübscher Mann (und „hübsch“ beschreibt es genau), ohne Ecken und Kanten, der sich furchtbar anstrengt, etwas zu sein, das er aber eigentlich nicht ist und auch nicht sein sein soll, weil er sonst gar nicht da wäre, wo er jetzt ist, der nämlich typischer Weise aus dem Privat-Fernsehen ins Öffentlich-Rechtliche gewechselt ist, sobald seine Erfolgsquote garantiert war und sich seine allgemeine Gefälligkeit im Vorabendprogramm bewährt hatte.

Denn beim öffentlich rechtlichen Fernsehen sitzen so viele Mitentscheider, so viele ängstliche Mentalbeamten, die sich – vor allem – fürchten für irgendeinen Fehler haftbar gemacht zu werden. Sie senden nur noch, was sich im Privatfernsehen (im In- uns Ausland) bewährt hat oder was vor Urzeiten mal erfolgreich war, als es noch Entscheider mit Mut und Risikobereitschaft gab, natürlich auch ohne den Druck der Einschaltquoten. Man hat das Fehlermachen heute outgesouced – um dann natürlich herab zu schauen, auf die Unterschichtensender. Jahrelang wurde aus dem vollen Topf der GEZ-Gebühren und der Hybris der Alleinherrschaft im Leitmedium Fernsehen gelebt.

Heute muss jede neue Idee zusammen mit den Stellen gekürzt werden, um mit den steigenden GEZ-Zwangsgebühren der Bürger, den Rentenansprüchen der Alt-Redakteure nachzukommen, die in den fetten Jahren fette Verträge aushandeln konnten. Junge, gut ausgebildete Journalisten müssen nach 10 Jahren ihren Posten verlassen, weil sie sonst ihren Job einklagen könnten: Festanstellungen sind heute in den Redaktionen der Sender noch seltener als in der freien Wirtschaft. Es stehen ja auch genug Interessenten vor der Tür, für die Journalismus noch ein ideeller Traumberuf ist, eine interessante Arbeit mit moralischem Anspruch, den ja junge Leute oft immer noch so haben …

Man kann daher sagen, die zurecht gebastelte Wetten dass…?-Sendung, die ein ums andere Mal geflickschustert wird, von Menschen, die sich nichts trauen, denen neue Ideen zu gewagt sind und die nur versuchen im Status quo ihr persönliches Schäfchen ins Trockene zu bringen, diese altehrwürde Sendung ist für mich das sichtbare Panoptikum unserer allgemeinen (und ich meine hier weltallgemeinen) Orientierungslosigkeit: Ein Modelgesicht-Moderator, der nirgendwo anecken soll, drischt leere Phrasen, im andauernden Superlativ, mit ein paar abgehalfterten Weltstars, die ihren Ruhm der vordigitalen Zeit verdanken, jenseits der Internetpiraterie. Und daneben sitzen ein paar deutsche Sternchen, alle gleichhübsch, gleichfrisiert, gleichbeschuht und mit globalen Marken optimal sexy berockt, die stolz sind, den Altstars mal die Hände schütteln zu dürfen und ansonsten ihre gerade aktuelle mittelmäßige Mediensuppe zu verkaufen suchen, weil sie sonst in ihrer fragwürdigen Popularität sehr sehr schnell vom roten Teppiche stolpern würden, zurück in die Sinnlosigkeit all der Unerkannten, die jenseits der Absperrung auf ihre Chance hoffen. Selbst ihre Wetteinsätze werden ihnen mittlerweile vorgegeben: alles soll nett und reibungslos sein, jeder soll bei dem Spiel um sein bisschen Ruhm und Geld brav seine Rolle abliefern. Das Publikum soll dann artig klatschen und Kinokarten oder CDs oder Downloads kaufen oder all die anderen ins Bild gemogelten Produkte.

Was ich wirklich nicht verstehe: Warum versucht man mit falscher Heiterkeit und nackten Beinen die Menschen immer noch zum Konsumtrog zu treiben? Aus Feigheit oder Alternativlosigkeit oder beidem? Wieso wird im Multimediazeitalter immer und immer wieder mit diesem Blendwerkzeug gearbeitet, obwohl jeder (und ich meiner hier wirklich jeden auf dieser Welt, der schon mal 5 Minuten nachgedacht hat) das durchschaut, genervt davon ist und/oder sich veräppelt vorkommt – einschließlich derer, die den Mist verzapfen?!

Authentizität ist ja das Zauberwort der Stunde: Was sich im Internet ohne Werbung rasend verbreitet, wenigstens für 5 Minuten die Aufmerksamkeit der Massen hat, wird aber sofort von der Werbung annektiert, von den Konzernen versucht zu Geld zu machen. Sie rennen den NoName-Stars von You Tube und Co hinter her, versuchen deren originelle Ideen (an deren Unberechenbarkeit sie eigentlich verzweifeln), für sich und ihre Aktionäre in Gewinnausschüttungen zu verwandeln. Doch die Massen können sie dann doch  ihrerseits mit der Nachahmung nicht mehr erreichen. Oh Wunder: Der billige Ideenklau wird durchschaut, die Idee funktioniert nicht mehr als authentische Idee, wenn sie keine mehr ist! Die Herde folgt nicht mehr! Nichts ist so schwer zu planen, wie Authentizität und echte Individualität!

Natürlich geht es um Arbeitsplätze. Wenig Unternehmen können, wie die öffentlich-rechtlichen Sender, einfach die GEZ-Gebühren verpflichtend erhöhen. Die meisten müssen sich auf einem Markt behaupten, wo man schnell an Wert verlieren und von der Überschwemmung des billigen Geldes aufgekauft werden kann. Doch betrifft das ganz Gallien?! Nein, in kleinen Dörfern können sich ein paar mittelständische Unternehmen in Familienhand behaupten auf dem globalen Markt, mit – und jetzt aufgepasst – GUTEN Produkten, bei den sich der Käufer nicht durch eine schöne Fassade und falsche Superlativ-Versprechungen veräppelt fühlt. Das einzig beeindruckende an der Wetten dass…?- Sendung waren ja die Bagger des Familienunternehmens Kiesel, mit denen man Wäscheklammern millimetergenau auf vorher vom Bagger auf der Wäscheleine aufgehängte Socken platzieren konnte.

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