Werwolfsfeminismus

Ein Buch über Werwölfe, aber so ganz ohne Vampire? Aber sicher gibt es das. Christiane Spies lässt ihre Charaktere im Ungarn des Jahres 1455 antreten – und erschafft eine ganz faszinierende Welt: Denn Veronika ist die erste Frau in Menschheitsgeschichte, die den Biss eines Werwolfs überlebt hat.

Elisabeth, Veronikas Cousine, soll einen Jungen aus der Familie Hunyadi heiraten – natürlich gegen ihren Willen. Am Abend davor lässt sich Veronika dazu überreden, in die Stadt zu schleichen. Unterwegs überhört sie eine Unterhaltung, die sich um die geplante Ermordung eines christlichen Paters dreht. Veronika eilt zu ihm, um ihn zu warnen – doch zu spät! Ein Monster greift ihn an und verletzt ihn tödlich. Auch Veronika gerät ins Visier des Untiers.

Einige Tage später erwacht sie in einem Kloster, dem Tode geweiht. Zwei Männer tauchen plötzlich bei ihr auf und entführen sie. Veronika überlebt und wandelt ab sofort als Werwölfin durch ihre Welt, das Ungarn des Jahres 1455. An ihrer Seite Miklos und Gabor, die Wölfe, die den Pater ermordeten. Sie sind jetzt ihr Rudel und wollen Veronika beschützen. Vor allem vor sich selbst, denn sie ist die einzige Frau, die jemals einen Biss überlebt hat – und damit ist sie Dreh- und Angelpunkt einer alten Prophezeiung. Die Veronika so gar nicht zu erfüllen gedenkt! Könige hin und her, ihr Herz gehört einem anderen und wer sich gegen sie stellt, darf sich zur Hölle scheren!

Die Kritik

Natürlich steckt in jedem Mensch der Wunsch, etwas Besonderes zu sein. Dem bedient sich die Autorin, indem sie eine einzelne Frau in die Mitte eines Jahrhunderte alten Vorgangs stellt. Auch wenn es bei dem historischen Jahrgang denkbar wäre, ist diese aber zum Glück weder schwach, noch zickig und willfährig erst recht nicht. Höchstens bei ihrem Herz auf der Hut, aber das ist nur realistisch. Veronika ist also weder Heldin noch Anti-Heldin – und genau das ist eine Linie, die sich durch das Buch zieht. Christiane Spies mischt fantastische Elemente mit historischen und reichert sie durch zeitgemäße, realistische an. Zum einen kann sich also jeder in die Personen hineinversetzen und zum anderen kann man sich dem eigenne Kopfkino hingeben. Tolle Mischung!

Interessante Erzählung verpackt in das passende Wortgewand

Die Autorin kommt aus Deutschland (Nürnberg) und das merkt man. Nicht, weil etwa fränkischer Dialekt irgendwo versteckt wäre. Nein, sondern im Umgang mit der Sprache. Bei übersetzten Werken ist der Leser quasi abhängig vom Gebrauch zweier Sprachen – einmal im Original vom Autor und einmal vom Übersetzer. Diese Stolpersteine fallen hier weg.

Die historischen Hintergründe sind soweit akkurat und es ist ein Vergnügen, über die politischen Aktionen und Verwicklungen dieser Zeit zu lesen. Der liebe Vlad Dracul taucht natürlich auf, aber eher am Rande – denn sein Sohn ist in dieser Zeit die Ausgeburt der Hölle. Auch das fahrende Volk erhält seinen Platz in diesem Buch und die Autorin scheut sich nicht im geringsten, die komplizierte Geschichte Ungarns hier offen und ehrlich mit reinzubringen.

Das Ergebnis ist ein Buch, das sich nicht so recht in die üblichen Kategorien einpassen lässt – und das ist sehr gut so!

Insgesamt ist es eine wirklich runde und gelungene Angelegenheit. Wie gut, dass es bereits einen zweiten Band gibt!

Bettina Riedel (academicworld.net)

Christiane Spies. Mondherz.
Knaur. 14,99 Euro.

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