Wer zieht schneller als sein Schatten?

Lucky Luke würde gegen die Brüder Edward und John Little trotzdem alt aussehen – denn im Gegensatz zu ihm haben die nichts dagegen, Menschen tatsächlich um die Ecke zu bringen. In den 1840er Jahren und natürlich im Wilden Westen ist das manchmal aber gar nicht so schlecht. „Das Böse Im Blut“, jetzt bei Heyne Hardcore.

Ihre Mutter war eine Hure, ihr Vater ein gewalttätiger Psychopath, oder vielleicht auch ein Soziopath. Mit diesen Begrifflichkeiten halten sie sich jedenfalls nicht auf, als sie ihn in Notwehr töten müssen. Edward und John fliehen geradezu von dem Ort, an dem sie aufwuchsen.

Ihre Schwester ist kurz zuvor verschwunden und so begeben sie sich auf die Suche nach ihr. Ihr Weg soll sie nach Texas führen, wo es noch Freiheit gibt, Land für lau und vielleicht ein bisschen Frieden für ihre strapazierten Existenzen. Es kommt, wie es kommen muss: Edward und John werden voneinander getrennt. Ihre Dickschädel, ihr Hang zu Brutalität und ihr Drang nach Unbestimmtheit und Freiheit stürzen sie ins Chaos. Bis sie sich als Soldaten zweier Armeen gegenüber stehen …

Die Kritik

Schon wenn man die ersten Seiten liest, weiß man, warum das Buch nicht bei Heyne, sondern Heyne Hardcore erschienen ist: Carlos Blake nimmt nun wirklich kein Blatt vor den Mund. Die Ereignisse sind roh, gewalttätig und nicht gerade literarisch hochwertig verpackte Taten großer Helden. Die Personen, die hier im Mittelpunkt stehen, haben alle einen am Schatten. Inklusive Schlagschatten. Sie sind der Alltag, der rund um die prächtigen und farbenfroh ausgemalten historischen Ereignisse stattgefunden hat. Man liest das Buch mit einer gewissen abartigen Faszination, Ekel, Witz und Verständnis. Hier wird alles im Leser gefordert.

Der große Freiheitswunsch, die Sturheit, der Wunsch nach einem simplen, glücklichen Leben … Das ist der wahre Hintergrund des Romans – nicht der typische amerikanische Traum. Edward und John wollen einfach ein Leben führen, das sie glücklich macht. Zu diesem Streben nach Glück gehört aber nicht das große Geld. Was sie daran hindert, dieses Ziel zu erreichen? Ihre familiäre Vorbelastung. Vatermörder, ein halbwegs wildes Land, Krieg und rohe Sitten an der Tagesordnung – wo soll ein normaler Mensch hier seinen ruhigen Platz an der Sonne finden? Geht das überhaupt? Wie viel kann ein Mensch erleben, wie viel kann er sich selbst antun und hat hinterher dennoch eine Chance auf ein halbwegs vernünftiges Leben? Es gibt viele Fragen, die der Autor stellt und die der Leser genausowenig beantworten kann wie Carlos Blake. Aber wenn das die Grundlage einer ganzen Nation ist, was kann aus dieser Nation werden?

Fazit: Man kann das Buch für seinen Unterhaltungswert lesen oder mit der wesentlich tieferen Bedeutung – es geht beides. Lesenswert ist es allemal, wenngleich es definitiv nichts für zartbesaitete Herrschaften ist. Heyne Hardcore eben.

Bettina Riedel (academicworld.net)

Carlos Blake. Das Böse im Blut.
Heyne Hardcore. 9,99 Euro.

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