Wer wütet da durch die Landen?

Passend zum 200. Todestag von Heinrich von Kleist erscheint in der Reihe Argon Klassik „Michael Kohlhaas“ neu eingelesen von Ulrich Matthes. Eine gute Gelegenheit, um sich das Werk um den Rächer wieder Willen einmal wieder – oder erstmals – vorzunehmen.

Ein rechtschaffener Rebell?

Der Rosshändler Michael Kohlhaas lebt ein ruhiges Leben im Brandenburg des 16. Jahrhunderts. Er hat mit seinem Gewerbe ein gutes Auskommen, liebt Frau und Kinder sehr. Als er mit einigen Pferden in Sachsen durch das Gebiet des Junkers von Tronka kommt, will der ihn ohne Passierschein nicht durch lassen. Als Pfand, bis Kohlhaas diesen hat behält der Junker zwei Rappen des Rosshändlers zurück.

Der Brandenburger versucht sich in Dresden den nötigen Passierschein zu besorgen, muss aber feststellen, dass niemand von diesem weiß. Er reitet also zurück zur Tronkenburg um die Pferde abzuholen. Dort angekommen muss er aber feststellen, dass die edlen Tiere mit Feldarbeit zugrunde gerichtet wurden. Auf dem Klageweg will Kohlhaas sich Recht verschaffen, scheitert aber gnadenlos und wird zum gewalttätigen Rächer. Martin Luther selbst – für Kohlhaas höchste Vertrauensinstanz – muss in Erscheinung treten, zuerst schriftlich, dann auch persönlich, um dem Brandschatzen ein Ende zu bereiten. Doch damit ist Kohlhaas Rechtsmarathon noch lange nicht am Ende.

Glück erst im Untergang

In wuchtiger, kraftvoller Sprache erzählt Kleist vom Schicksal eines Menschen, der im und am System verloren geht. Der in seinem Streben nach Gerechtigkeit ganz übersieht, dass er selbst längst nicht mehr der Gerechte ist, als den er sich empfindet. Kohlhaas ist ein Individuum in den Fängen von Bürokratie und Willkür. Wie später in Kafkas Urteil ist hier kein Recht zu finden.

Wie so oft bei Kleist findet Protagonist Kohlhaas erst im eigenen Untergang Frieden , Erlösung und eine Form von Glück. Erst jetzt ist alles Unrecht gesühnt und er kann sein Leben beruhigt beschließen.

Auf den Punkt

Mitreißend und auf den Punkt liest Ulrich Matthes, der erfahrene Hörbuchsprecher (Deutschen Hörbuchpreis 2003) das Werk. Nach kurzer Gewöhnungsphase möchte man seine angenehme und variable Stimme nicht mehr missen. Einzig der Versuch den weiblichen Stimmlagen gerecht zu werden scheitert bisweilen. Wie gut, dass nach dem Tod von Kohlhaas? Frau kaum noch Frauen die Szenerie bevölkern. So kann man sich auf die Erzählerpassagen und die männlichen Figuren konzentrieren – und die trifft er wunderbar.

 

Gisela Stummer (academicworld.net)

 

Heinrich von Kleist: Michael Kohlhaas. Sprecher: Ulrich Matthes

Argon Hörbuchverlag, 19,95 Euro

Stand November 2011
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