Wer hat Angst vor Hyperkommunikation?

Nina Pauer, geboren 1982 studierte in Deutschland und Frankreich Geschichte, Soziologie und Journalistik. Heute ist sie als freie Autorin tätig und schreibt unter anderem für das Feuilleton der Zeit und sorgte mit kontroversen Artikeln wie „Die Schmerzensmänner“ für Aufsehen. 2011 erschien ihr vielbeachtetes Buch „Wir haben keine Angst. Gruppentherapie einer Generation“. Nun legt Nina Pauer mit „Wie wir vor lauter Kommunizieren unser Leben verpassen“ nach.
Franziska Püschel von academicworld.net. wollte wissen, um was es dabei genau geht.

Die Autorin Nina Pauer. Foto: ©Dennis Williamson

„Wie wir vor lauter Kommunizieren unser Leben verpassen“, so lautet der Titel deines neues Buches … Was meinst du genau damit?

Im Buch beschreibe ich unsere exzessiv kommunizierende Gesellschaft. Mit dem Wort „Verpassen“ meine ich weniger den Effekt, dass man konkret etwas verpasst, weil man gerade hinunter auf sein Handy geschaut hat. Es geht mir eher um den permanenten Zustand der

Gleichzeitigkeit: Ich bin immer erreichbar, immer auf all meinen Kommunikationskanälen anwesend, immer mit Senden und Empfangen beschäftigt – und deshalb immer halb woanders. Durch diesen fahrigen, oft überforderten Geisteszustand des Multitaskings verpassen wir meiner Meinung nach Vieles.

Du bist ja selbst bei Facebook, was war der ausschlaggebende Punkt für dich, dennoch dabei zu sein und zu bleiben?

Wie vermutlich die meisten Mitglieder bin ich dabei, weil ich so einfach den Kontakt zu vielen Leuten halten kann, auch mit denen, die am anderen Ende der Welt leben. Und, weil ich nichts verpassen will an geplanten Aktivitäten der Freunde in meiner Stadt. Vor allem aber finde ich diese Sphäre einfach interessant. Wie stellen sich Menschen dar? Was sind die Themen über die gesprochen wird? Was für eine Funktion hat Facebook im Alltag der Leute? Ohne einen eigenen Account könnte ich keine Artikel oder Bücher über unsere Generation bzw. unsere Gesellschaft schreiben.

Wie weit wird sich deiner Meinung nach unsere digitale Welt/unser digitales Leben noch entwickeln?

Ich denke, es wird keinen Schritt zurück geben: Unser virtuelles Ich ist geschlüpft, nun lebt es und wird garantiert nicht wieder verschwinden. Die Zeit, in der man noch dachte, man zieht den Stecker und weiß dann wieder, wo das wichtige, wahre Leben stattfindet, ist schlichtweg vorbei. Nicht alles, was wir online tun, ist schließlich Gedaddel. Wir leben dort. Nur muss man die Balance zwischen der virtuellen und der analogen Welt hinbekommen, sonst überfordert man sich und alle anderen um einen herum.

Hast du selbst Freunde, die sich verändern zu scheinen?

Viele Menschen die ich kenne kommen einfach nicht mehr hinterher damit, ihr soziales Leben online und offline zu managen. Die sind immer im „Sozialstress“ und nie mehr allein.

Du bist viel unterwegs und musst bestimmt auch meistens erreichbar sein … Was stellt für dich einen perfekten Ausgleich für diese Hyperkommunikation dar? Was tust du, um mal ganz „off“ zu sein?

Ich finde es immer wieder schwierig, einen Ausgleich zu finden. Beim Schreiben des Buches habe ich allerdings ganz gut gelernt, mein Smartphone immer mal wieder für einige Stunden im Flugmodus zu lassen. Sonst hätte ich mich nie im Leben konzentrieren können. Ich versuche seitdem in Intervallen zu kommunizieren. Und ansonsten viel Schwimmen zu gehen und Yoga zu machen – da ist es unmöglich, parallel noch etwas anderes zu tun, zum Beispiel noch mal schnell eine SMS zu schreiben.

 Wann hattest du die Idee für dein neues Buch?

 Die Idee zum Buch kam mir letztes Jahr im Herbst. Ich war auf dem Rückweg von einer Lesung aus München im Zug zurück nach Hamburg. Die Steckdose war kaputt und ich konnte mein iPhone nicht mehr aufladen. 

Zusammen mit einem anderen Mann, der auch in Panik geriet, weil er Angst hatte, sein Akku könnte leer werden, bin ich schier panisch mit meinem Netzkabel durch den Zug gelaufen. Plötzlich habe ich uns beide von außen gesehen und dachte: „Was machen wir hier eigentlich?“. Mir schien diese Kommunikationssucht, die uns trieb, auf einmal völlig krank. Und gerade der Zug, als eine Sphäre der Ortlosigkeit machte das ganze noch dramatischer. Deshalb spielt die Geschichte von Markus und Anna auch in einem Zug.

 

Das Buch

Anna und Markus sind beide beruflich erfolgreich, durchgeplant und abhängig. Abhängig von ihren digitalen Begleitern. Schon bevor sie morgens die Augen aufschlagen, flattern tausend ungelesene E-Mails, Facebooknachrichten und Terminerinnerungen bei ihnen ein.

Während Anna sich nur noch mit To-Do-Listen im ganzen Wirrwarr aus Kontakten zurechtfinden kann und vor lauter Sozialstress keine ruhige Minute mehr hat, kapituliert Markus auf der unsichtbaren Linie, die einmal Beruf und Privatleben trennte und auch vor sich selbst. Denn wer brockt uns eigentlich diesen ganzen Stress ein? Natürlich wir selbst.

Heutzutage kann sich fast keiner mehr der digitalen Welt enthalten. 
Das mobile Internet ermöglicht uns immer und überall auf alles zuzugreifen.

Klar und deutlich, vor allem aber ohne Hetzerei gegen Facebook und co. führt uns Nina Pauer mal wieder einen Spiegel unserer „LG“- Generation vor Augen und lässt sich den ein oder anderen in den fiktionalen Protagonisten Anna und Markus wiederfinden.

Nina Pauer. Wie wir vor lauter Kommunizieren unser Leben verpassen
14,99 Euro. Fischer Verlag (erscheint am 26.9.2012)

Share.