Wer ewig strebend sich bemüht: Teil IV

Der nächste Schritt: Verstehen und Durcharbeiten

Katharina Ohana, Psychologin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

Ingrid (27) liebt ihren Freund Frank (33). Trotzdem bekommt sie ihm gegenüber immer wieder Wutausbrüche, schreit ihn wegen Lächerlichkeiten an: Es kommt über sie, ohne dass sie es steuern kann. Ihre Freundin rät ihr, dass sie Frank besser verlassen sollte, wenn sie zu solchen negativen Gefühlen ihm gegenüber fähig ist. Doch eigentlich hat Ingrid selbst furchtbare Verlustängste und fragt sich, wie lange Frank diese Wutausbrüche noch erträgt.

Eines Tages besucht sie ihre Mutter, die wieder einmal schlechte Laune hat und sie an Ingrid auslässt. Ingrid merkt wie enttäuscht sie ist, da sie sich auf den Besuch gefreut hatte. Plötzlich fällt ihr auf der Heimfahrt im Auto auf, dass sie ihre Mutter gleichzeitig liebt und hasst, bei jedem Besuch auf gute Laune hofft und auf ein schönes Beisammensein und eigentlich unglaublich wütend ist, dass die Mutter sie so oft so schlecht behandelt und enttäuscht. Ihr wird klar, dass ihr Leben lang ihre Liebe zu ihrer Mutter mit dieser Wut einherging, dass sie auch in der Beziehung zu Frank neben aller Liebe immer diese Wut findet – und dass sie hofft, das Frank diese Wut erträgt und sie trotzdem nicht verlässt.

Sie hat für den Moment das Gefühl ein Kronleuchter würde in ihrem Hirn aufglimmen, so ungeheuerlich ist ihr diese Einsicht: Sie muss anhalten, weil sie unfassbar aufgewühlt ist von dieser Erkenntnis. Es fühlt sich an, als würde sich in ihrem Kopf etwas verschieben.

„Erkenne dich selbst“ – dieser Satz von Sokrates, der auch über dem Eingang zum Orakel von Delphi steht, begründet unsere abendländische Kultur. Er ist der nächste Schlüssel zur Tür der Freiheit: Jeder Veränderung muss Erkenntnis voran gehen. Durch die richtige Analyse unserer Verhaltensmuster und Werteprägungen, unserer Grundkonflikte, beginnen wir lebens- und glücksfeindliche Werte und Denkmuster in Frage zu stellen. Nur so können wir sie nach und nach ablegen und uns neue Orientierung suchen und unser Leben verändern.

Wir müssen erkennen, was unsere Ängste und Zwänge, das „innere Reißen“ verursacht, was uns in die Sehnsucht nach Widergutmachung treibt, uns anfällig macht für die falschen Wege zur Erfüllung. Wir müssen verstehen, wie wir zu unserer Weltsicht und unseren Denkmustern, unserem schlechten Selbstwertgefühl gekommen sind, was uns zu Getriebenen machen. Auf dem Weg zur Freiheit müssen wir die Zusammenhänge, die Entstehungsgeschichte unseres Selbstbildes und Selbstwertes verstehen lernen, genauso wie die Werte unserer Familie, unserer Gesellschaft, das offizielle Richtig und Falsch, das uns fremdbestimmt und uns über unsere Ängste manipuliert. Wir müssen unsere Unfreiheit begreifen, um frei zu werden.

Verstehen ist, entgegen unserem Bild von kalter Logik, ein gefühlter „Aha-Moment“, ein emotionaler Vorgang: Es macht „klick“ und wir haben das Gefühl, den richtigen, wahren Zusammenhang erkannt zu haben. Wir „spüren“ es, wenn wir plötzlich kapieren, warum zwei plus zwei vier ergibt oder wenn wir erfassen, dass wir deshalb vom Ehrgeiz durchs Leben gepeitscht werden, weil unsere Eltern auf unsere Leistungen fixiert waren oder wenig Zeit und wirkliche Aufmerksamkeit für uns hatten und uns damit ständig ein Gefühl von Wertlosigkeit vermittelten.

Die Erkenntnisse über uns selbst, die „Wahrheit“ über das, was unser Leben bestimmt, ist eine Emotion, die uns in ihrer Stärke tief berührt. Alte Gefühle tauchen auf, die Enttäuschungen und Schocks unserer Kindheit werden uns bewusst, die Angst vor Zurückweisung, vor der überlebensbedrohenden Einsamkeit.

Wir kamen auf die Welt voller Lebens- und Entfaltungsdrang und diese unverstellte Direktheit unserer Liebe, diese Scham- und Schuldlosigkeit konfrontierte die uns umgebenden Erwachsenen mit ihren eigenen Hemmungen, unbewussten Enttäuschungen, weckt verdrängte Schmerzen und Wut. Sätze wie: „Was willst Du denn schon wieder?!“, „Das kleine Fräulein weiß ja mal wieder genau, wo es was zu holen gibt!“, „Sei doch nicht so langsam!“, „Du gehst mir heute mal wieder echt auf die Nerven!“, vermitteln Kindern schon im Kleinkindalter allein durch den Tonfall: Ich bin nicht richtig. So wird Lebendigkeit, Liebesbedürftigkeit und Lebenslust mit „schlecht“ bewertet und nach und nach gebremst durch Schuldgefühle.

Schuld wird selten direkt zugewiesen, sondern wirkt durch die elterliche Überforderung unterschwellig auf die heranreifende Psyche des Kindes. Schauen wir anderen Eltern im Umgang mit ihren Kindern zu, wird uns schnell die Tragweite dieser Tatsache bewusst – und was das für unser eigenes Leben bedeutet. Auf Dauer können diese Schuldgefühle, dieses „Ich ?bin ?nicht-richtig“ ganze Leben zerstören. „Ich kenne nur ein Mittel, um mit meinem Gewissen Frieden zu machen, und das heißt leiden, so viel es geht. So viel Leid wie möglich erfahren,“ schrieb Saint-Exupéry an seine Frau, zog in den Krieg und stürzte ab.

Auch wenn wir schon lange unglücklich sind, neigen wir leider dazu zu glauben, es hätte nichts mit unserer Vergangenheit, mit unseren alten Erfahrungsmustern zu tun. Wir halten daran fest, dass unsere Kindheit wunderbar war oder wir alles längst hinter uns gelassen haben. Wir versuchen der unfassbaren Frage zu entgehen: Warum waren die Menschen, die uns erzeugten, nicht stärker, warum haben sie nicht ihre Verantwortung getragen, warum haben sie uns in unserer Einzigartigkeit nicht erkannt und uns besser geholfen diese Einzigartigkeit optimal zu entwickeln? Warum haben sie uns so viele Steine in den Weg gelegt, ihre Schwächen und Probleme an uns ausgelassen, uns missbraucht für ihr eigenes schwaches kleines Selbst?

Und um es erneut zu betonen: Die Gefühle, die mit diesen Fragen herauf kommen, sind so schlimm, so tief und verzweifelt, dass wir sie damals in der Kindheit bei ihrer Entstehung verdrängen mussten, weil wir sie nicht verarbeiten konnten und auch jetzt noch alles tun, lieber weiter in unglücklichen, verqueren oder oberflächlichen Beziehungen leben mit unbefriedigenden Jobs, gefangen in unserer Sehnsucht – nur um sie nicht mehr zu spüren.

Doch wir müssen den alten Schmerz wieder heraufholen aus der Tiefe unseres Unterbewusstseins, um ihn für immer los zu werden. Wenn wir uns diesen Gefühlen nicht stellen, unsere Seele nicht von ihnen reinigen, bleibt unser Leben durch diese alten, offenen Wunden beeinflusst. Jede Begegnung mit anderen Menschen wird wieder und wieder unter der Spannung unerfüllter Wünsche und gleichzeitiger Angst vor Zurückweisung stehen, jedem unserer Ziele haftet diese Unfreiheit und Ohnmacht an.


Katharina Ohana moderiert als Psychologin und Philosophin für verschiedene Fernsehsendungen. Ihr neues Buch „Gestatten: Ich – Die Entdeckung des Selbstbewusstseins“ ist beim Gütersloher Verlagshaus erschienen und erklärt die Entstehung unserer Persönlichkeit und unserer Probleme – und wie wir sie loswerden können.

Mehr von ihr gibt es auf  KatharinaOhana.de


Stand: Winter 2012

Share.