Wer ewig strebend sich bemüht: Teil I

Zum Jahresende beschließen wir ja immer wieder gute neue Vorsätze für das nächste Jahr: Alles soll anders werden. Wir wollen uns und unser Leben unbedingt verändern das heißt verbessern. Nur leider klappt das sehr oft nicht.
Daher jetzt in den letzten Wochen des Jahres an dieser Stelle eine Kurzserie zum Thema Veränderung – und worauf es Schritt für Schritt ankommt (anhand einiger Fallbeispiele illustriert).

Katharina Ohana, Psychologin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

Nicole und Oliver kennen sich seit der Schulzeit. Nach dem Abitur beginnt Oliver in einer andere Stadt an einer angesehenen technische Universität zu studieren. Nicole zieht zu ihm, obwohl sie keinen Studienplatz hat. Anfangs kellnert sie in einer Kneipe, danach arbeitet sie in einer Boutique. Sie weiß nicht so recht, welcher Beruf sie interessiert und hat auch keine Lust sich wirklich mit dem Problem auseinander zu setzen.

Gleichzeitig sehnt sie sich nach Sicherheit. Eigentlich wartet sie nur darauf, dass Oliver seinen Abschluss macht und sie mit ihm eine Familie gründen kann. Sie umsorgt ihn, der sich das gerne gefallen lässt, kümmert sich um den Haushalt und kocht. Sie vertraut auf seine Bequemlichkeit, begleitet ihn auf jede Studentenparty und ins Fitnessstudio, immer von der Angst getrieben, dass er irgendwo eine andere kennen lernen könnte.

Fünf Jahre später hat Oliver seinen Abschluss mit Auszeichnung in der Tasche. Zum Junggesellenabschied plant er mit seinen Kumpels ein Skiwochenende in Österreich. Heimlich mietet sich Nicole im selben Hotel mit ihren Freundinnen ein und als sich sogar ihre Schwester darüber wundert, behauptet Nicole, sie habe nur Angst, dass sich Oliver, wenn er zu sehr feiert, verletzen könnte.

Das frischvermählte Ehepaar zieht in die Nähe von Nicoles Eltern, bekommt drei Kinder und Oliver arbeitet als Ingenieur in einem großen Konzern. Nicole hat jetzt alles, wovon sie immer träumte: Oliver hat sie geheiratet, sie hat ein Haus und Kinder, sie hat es geschafft.

Eines Tages, die Kinder gehen schon ins Gymnasium, wird Nicoles Vater krank und stirbt nach einem halben Jahr. Oliver zieht sich in dieser Zeit immer mehr zurück: Am Schicksal seines Schwiegervaters wird ihm klar, wie schnell das Leben zu Ende und wie sehr es von den Erwartungen  anderer bestimmt sein kann. Nach der Beerdigung sagt er Nicole, dass er nicht länger bereit ist die ihm zugedachte Funktion in ihrem Lebensentwurf zu erfüllen und verlässt sie. Für Nicole bricht die Welt zusammen.

Probleme sind Aufgaben, die uns das Leben stellt. Und das Leben stellt uns immer wieder vor die gleichen Aufgaben, konfrontiert uns mit den unverarbeiteten Emotionen der Vergangenheit und fordert von uns ihre Bewältigung. Haben wir eine dieser Lebensaufgaben gelöst, kommen wir voran, fühlen uns sicherer, stärker, gelassener, können mit schwierigen Situationen besser umgehen und das Leben mehr genießen. Wir kommen der Freiheit ein Stück näher, wenn wir uns von der Fremdbestimmung durch alte Wunden lösen.

Versuchen wir die Schmerzen zu umgehen, treten wir auf der Stelle und geraten immer wieder in die gleiche Situation. Wir haben solange die gleiche Art von Beziehung, die gleiche Jobsituation, die gleiche Art von Freundschaften, Krankheiten, Süchten, bis wir die Aufgabe, die uns das Leben vorsetzt, wirklich angehen. Wir werden immer wieder und weiter darauf hingewiesen, wenn etwas nicht „gesund“, nicht gereift ist, wenn wir in Verhältnissen leben, in denen wir uns nicht entfalten können, die lieblos und rücksichtslos sind, in denen andere auf unsere Kosten ihren Interessen nachgehen. Das Leben legt uns Stolpersteine in den Weg, die anfangs klein sind und wenn wir sie ignorieren, immer größer werden: Wir stehen immer wieder vor den selben Problemen, wenn wir uns weigern falsche Verhaltensmuster, falsche Regeln zu erkennen, umzudenken, bewusst umzulernen und neue Orientierung zu suchen.

Doch selbst wenn wir schon auf dem richtigen Weg sind, träumen wir noch oft genug davon, es möge einer kommen, der alles „gut macht“. So etwas passiert nicht. Es passiert nur, wenn wir gar nicht mehr daran denken. Es passiert, wenn wir das Problem vorher selbst gelöst haben und so weit sind, diesem tollen Menschen, dem tollen Angebot ge-wachsen zu sein. Nur wer sich mit Schwierigkeiten auseinander setzt, sie nicht verdrängt, nicht vor ihnen flieht oder sie anderen zuschiebt, bekommt etwas „geschenkt“. Wenn wir darauf warten, dass sich etwas von alleine löst, verhalten wir uns wie Kinder, die ihr Leben nicht selbst bestimmen können.

Katharina Ohana moderiert als Psychologin und Philosophin für verschiedene Fernsehsendungen. Ihr neues Buch „Gestatten: Ich – Die Entdeckung des Selbstbewusstseins“ ist beim Gütersloher Verlagshaus erschienen und erklärt die Entstehung unserer Persönlichkeit und unserer Probleme – und wie wir sie loswerden können.

Mehr von ihr gibt es auf  KatharinaOhana.de


Stand: Dezember 2011

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