Wer ewig strebend sich bemüht – IX. Teil

Geduld.
„Ich habe mein Leben lang gearbeitet und jetzt das….“, ist der erste Satz, den Hans-Dieter (66) hervorbringt als er von der Diagnose Lungenkrebs erfährt. Er, der in seinem Leben mehrere Unternehmen geführt hat, in drei Ehen sieben Kinder zeugte und in verschiedenen Ausschüssen und Beratergremien nach wie vor die Wirtschaftspolitik seiner Region mitbestimmt, wird nun von ein paar entarteten Zellen in seinem Körper entmachtet.

Katharina Ohana, Psychologin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

 Die Fremdbestimmung durch die Ärzte, Behandlungspläne und die Entkräftung seines Körpers sind für ihn unerträglich. Er empfindet die Krankheit als ungerecht, doch zum ersten mal in seinem Leben scheint  sich etwas nicht seinem Willen zu beugen. Seine Weltsicht und sein Selbstverständnis prallen mit 180km/h auf die Betonwand des Schicksals.

Als er nach der ersten Operation aufwacht steht überraschender Weise sein ältester Sohn Eckard (42) an seinem Bett, der vor Jahren geschworen hatte nie mehr mit dem Vater zu reden. Auch in den folgenden Tagen besucht er ihn regelmäßig, bringt die Enkel mit, die völlig unvoreingenommen und offen auf den nie gesehenen Großvater zugehen.

Hans-Dieter muss sich aus allen Ämtern zurück ziehen, seine dritte Frau bestimmt seine Ernährung und Tabletteneinnahme. Er hat jetzt viel Zeit zum Nachdenken. Eckart versucht seinem Vater klar zu machen, dass dies nur das Ende seiner bisherigen Weltsicht ist, dass es aber ein neues ganz anderes Leben geben könnte, mit anderen Werten, all den Dingen, die Hans-Dieter bis jetzt gering geschätzt hat: Die Krankheit habe ihm die Begrenztheit seiner Welt aufgezeigt, das was wirklich wichtig ist deutlich gemacht.

Nach ein paar Monaten fängt Hans-Dieter stotternd an von seiner Schuld zu reden, davon, dass er durch sein rücksichtsloses Auftreten das Leben seiner Kinder beschädigt hat, und dass ihn seine Schuld bedrückt. Eckard organisiert zu Hans-Dieters nächsten Geburtstag ein Familienfest. Leider sind die anderen Geschwister nicht bereit zu kommen.

Ein Jahr später läd Eckard erneut ein, bittet die Geschwister die Veränderungen des Vaters selbst zu begutachten – und wirklich, es kommen immerhin schon die beiden Halbschwestern mit ihren Kindern.

Zum siebzigsten Geburtstag haben Eckard und Hans-Dieter es dann endlich geschafft: Die gesamte Familie ist versammelt. So wird Hans-Dieters letzter Geburtstag zu seinem schönsten.

Die Arbeit an unseren falschen Prägungen ist ein lebenslanger Prozess, bei dem wir uns immer wieder und weiter den alten Denkmustern stellen, unsere falschen Erwartungen an die Welt und unseren infantilen  (egoistischen oder unterwürfigen) Umgang mit anderen Menschen entlarven müssen. Für diese Veränderung benötigen wir viel Geduld, denn die alten falschen Muster haben so lange unser Leben bestimmt, dass wir viele neue, emotional herausfordernde Erfahrungen machen müssen, um ihnen etwas entgegen zu setzen.

Wir haben die Verhaltensweisen und Denkmuster entwickelt, um mit den frustrierenden Gefühlen, den Ängsten und Demütigungen unserer Kindheit zurecht zu kommen – und in unserer Ursprungsfamilie haben sie uns einmal gute Dienste erwiesen. Doch jetzt schaden sie uns nur. Um unser Unterbewusstsein von dieser Tatsache zu überzeugen, bedarf es vieler Überzeugungskräfte: Wirkliche Verhaltensänderungen treten immer erst ein, wenn wir einen Vorteil von der Veränderung verspüren, extrem negativen Gefühle zu verkraften haben. Die alten Erfahrungsmuster müssen im Netz unserer Neuronen „überschrieben“ werden. Doch diese Neurogenese kann bis ins hohe Alter stattfinden – wenn man sich mit der Welt und sich selbst auseinander setzt, immer weiter an sich arbeitet und Neues lernt.

Je stärker unser Selbstwertgefühl wird, um so belastendere Probleme und Einsichten lässt das Unterbewusstsein an die Oberfläche kommen, denn es kostet die Psyche viel Kraft diese alten heftigen Emotionen zu unterdrücken. Deshalb erfahren wir ihre Verarbeitung auch als Erleichterung, begleitet von dem Gefühl der Freiheit.

Doch sobald unser  Selbstwertgefühl stark genug ist, fordern weitere Altlasten, schlimme Erinnerungen, notdürftig kaschierte Sehnsüchte Beachtung. Aus Angst vor dem Schmerz wünschen wir uns dann manchmal zurück in die Zeit der falschen Hoffnungen und verfallen wieder alten Abwehr- und Schwächemustern. Wir hoffen mit unserer bisherigen Auseinandersetzung schon „alles erledigt zu haben“, gesund und reif genug zu sein: Wir versuchen uns immer wieder zu drücken, vor den Schmerzen und den neuen Schritten, die wir machen müssen, um noch viel weiter zu gehen, ganz neue Dimensionen der Freiheit zu begreifen und zu erleben.

Wenn wir uns verändern kommt alles in Bewegung: Unser Umfeld reagiert anders auf uns, wir sehen die anderen Menschen, uns und unser Verhältnis zu ihnen plötzlich im Licht anderer Werte. Neue Menschen und Dinge finden ihren Weg in unser Leben. Ab einem bestimmten Punkt merken wir deutlich, dass es uns besser geht, dass sich der Aufwand, die Tränen und die Ehrlichkeit gelohnt haben.

Wir erreichen das, was wir vorher mit einem äußerlichen Image und Manipulationen immer nur vortäuschen konnten: Sicherheit, Charakterstärke, Souveränität, Selbstbestimmung, ein stabiles Selbstwertgefühl und das Wissen darum, dass wir mit jeder Situation im Leben fertig werden können. Wir können uns auf Menschen und Dinge wirklich einlassen, müssen nicht alles unter unsere Kontrolle zwingen, weil wir das Selbstverständnis haben auf jede Schwierigkeit angemessen zu reagieren.

Wir leben „im Jetzt“, können uns „entgrenzen“ und „durchlässiger werden“, bekommen viel mehr mit von den Dingen, die um uns herum geschehen. Stärke, Integrität und Verantwortung für die Liebe und die Gefühle der uns wichtigen Menschen, besonders gegenüber unseren Kindern, zeigt sich darin, dass wir ihre Ängste und Unsicherheiten auffangen können, ohne uns deshalb über sie zu stellen.

Stolpert jemanden neben uns, stützen wir ihn, helfen ihm auf, um dann weiter zu gehen. Helfen ohne Helfersyndrom ist das Vertrauen in den Entwicklungswillen des anderen. Wenn er allerdings sitzen bleibt oder von uns getragen werden will, sollten wir uns von ihm verabschieden und allein weiter gehen.

Je stärker wir werden, je freier wir uns anderen gegenüber verhalten, um so mehr Möglichkeiten geben wir ihnen, auch stärker und freier zu werden. Wir verlieren keine Energie mehr damit, uns über andere Menschen und prestigeträchtige Dinge zu stabilisieren und können nach und nach Interessen und Leidenschaften in uns entdecken und umsetzen, für die wir vorher weder Zeit noch Konzentration hatten.

Mit Yoga oder anderen Formen der Meditation kann man gut erkennen, wie weit die eigene Entwicklung schon fortgeschritten ist. Denn solange die zerrenden Sehnsüchte, die Unruhe und Selbstbezogenheit noch stark sind, finden wir, trotz aller Bemühungen, keinen richtigen Zugang zu dieser Spiritualität. Denn unser schlechtes Selbstwertgefühl verstellt uns mit seinen Ängsten und seiner Geltungssehnsucht die Gegenwart. Die Flucht in die Vollkommenheit einer fantasierten Zukunft oder die verblendete Vergangenheit halten uns fern vom Jetzt – dem einzigen Moment in dem das Leben wirklich statt findet und gestaltbar ist. So ist die `Jetzigkeit´ unseres Lebens ein hervorragender Gradmesser für unsere Reife, die bewusste Gegenwärtigkeit unserer Gefühle, der Spiegel unserer psychischen Entwicklung.

Es gibt einen Trost auf diesem nicht einfachen Weg: Das Alter. Viele Menschen haben Angst vor dem Alter, denn im Alter lassen sich die falschen Muster unseres Lebens für Anerkennung und Liebe immer schlechter umsetzen. Es fällt uns immer schwerer, unser Selbstwertgefühl durch Erfolge, gutes Aussehen und andere Äußerlichkeiten zu stützen.

Es gibt aber eine völlig andere Sicht auf das Alter: Je älter wir werden und je mehr wir an uns gearbeitet haben, um so weniger Unsicherheit, Angst und „inneres Reißen“ gibt es in unserem Leben. Wir nehmen uns  nicht mehr so wichtig, d.h. unser Ego tritt hinter die wirklich wichtigen Dinge des Lebens zurück. Nicht zufällig nennen wir das: Befreiung.

Freiheit ist ein Zustand, in dem das „innere Reißen“ aufgehört hat, unser Ego nicht mehr schmerzt. Der bewusste Wechsel in andere Verhaltensmuster ist das Maximum an Freiheit, das uns Menschen möglich ist. Man könnte sagen: Der Sinn des Lebens ist das Gefühl der Freiheit. Und unser Erfolg ist die Summe der Fehler, aus denen wir gelernt haben.

Die Nichtweitergabe von Lieblosigkeit und Rücksichtslosigkeit, die Überwindung von infantilem Egoismus macht die Welt auf jeden Fall besser.

von Academicworld-Expertin Katharina Ohana

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