Wenn die Vergangenheit dominiert

„Wer die Vergangenheit nicht ruhen lässt, lebt gefährlich, denn er vernachlässigt die Gegenwart und ist blind für die Zukunft.“ (Klappentext) Doch wer über die Vergangenheit nur ein löchriges Fundament an Informationen besitzt, lebt in einer möglicherweise ziemlich instabilen Gegenwart. Mit dieser Situation sieht sich Maud konfrontiert, als ihr Ehemann Nikitas bei einem Unfall tödlich verunglückt. Was wie ein einzelnes Ereignis erscheint, wird zu einer herausfordernden Suche nach Wahrheit, Liebe, Zukunft und Vergebung.

Athen, Paradiesstraße - eine verschlungene Familiengeschichte
Athen, Paradiesstraße – eine verschlungene Familiengeschichte

Ein Tod ist der Beginn

Als Engländerin in Griechenland zu leben ist hinsichtlich der Geschichte beider Länder bei Weitem nicht die einfachste Wahl, die Maud treffen konnte. Doch wegen ihrer Liebe zu Nikitas zog sie allen Widrigkeiten zum Trotz in das Land am Mittelmeer.

Als Nikitas überraschend stirbt, fühlt sich Maud, als wäre ihr der Boden unter den Füßen entzogen worden. Im freien Fall klammert sie sich an alles, was ihr Halt bieten könnte. So begibt Maud sich auf die Suche nach dem Warum des Unfalls, die gleichzeitig die Antworten auf die Fragen nach der großen Liebe, dem Gefühl des Betrogen Werdens und nach der Zukunft geben soll. Je stärker sie sucht, umso deutlicher treten die Schicksale ihrer griechischen Familie zu Tage. Plötzlich kehrt die langjährig verschwundene Antigone, Mutter von Nikitas aus Russland nach Griechenland zurück. Sehr zum Missfallen von Alexandra, die Nikitas nach dem Verschwinden ihrer Schwester groß gezogen hat. Nach dem unweigerlichen Aufeinandertreffen müssen die Beiden lernen, aufeinander zuzugehen und ihre Vergangenheit aufzuarbeiten.

Unzertrennlich verwobene Schicksale

Es ist eine kleine Seitenstraße in Athen, die dem Roman seinen Namen gegeben hat. Hier werden die Schicksale der Familie Perifanis in einem kleinen Haus über Jahrzehnte hinweg unzertrennlich miteinander verwoben. Hier trafen und treffen erneut die Schwestern Antigone und Alexandra aufeinander, hier verarbeitet Maud durch den Verlust des Ehemanns, stellt sich den Zweifeln an ihrer Liebe. Nebenbei droht sich die Vergangenheit bei Mauds Kindern in der Gegenwart zu wiederholen.

Gelingt es der ewigen Außenseiterin Maud, ihre griechische Familie durch das Minenfeld aus Vergangenheit und Gegenwart in eine Zukunft zu führen?

Das Fazit

Im hochaktuellen Schauplatz Griechenland vermischen sich eine heikle Vergangenheit und eine brisante Gegenwart zu einem Gemälde, das die Komplexität einer griechischen Familie der Moderne einfängt. 

Sofka Zinovieff schafft es, in der Geschichte Athen, Paradiesstraße erfolgreich aus der Vergangenheit die Basis zu für die Zukunft zu bauen. Die Handlung ist nicht geradlinig gestrickt, sondern ebenso kunstvoll verwoben wie die Schicksale der Charaktere. Mit Nikitas Tod beginnt eine Erzählung, die am Ende mehr zusammen führt, als durch das Sterben getrennt wurde. Was eigentlich durch den Tod angestoßen wird, entwickelt eine faszinierende Eigendynamik, die den Leser immer wieder aufs Neue überrascht und zu kleinen Abstechern abseits der ursprünglichen Geschichte einlädt. Ganz nebenbei erfährt der Leser viel über die britisch-griechische Geschichte, ohne von Vorurteilen geprägt zu werden.

Etwas Vergebung schadet nie

Klappt man am Ende das Buch zu, ist der Kopf noch lange damit beschäftigt. Unweigerlich denkt man sich selbst in die Schicksale hinein und fragt sich, inwiefern man möglicherweise selbst Teil einer solchen Geschichte ist. Vielleicht kommt so mancher zu dem Schluss, dass etwas Vergebung eigentlich nie schaden kann.

Bettina Riedel (academicworld.net)

Sofka Zinovieff – Athen, Paradiesstraße

15,90 Euro. DTV Premium

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