Wenn die Realität anklopft

Veränderungen braucht die Welt. Veränderungen brauchen Mut. Mut zum Anderssein und Andersdenken. Diese Parolen könnte man vielen historischen Ereignissen zuordnen, auch dem Frankreich der 70er Jahre. Ab dem 30. Mai lädt Regisseur und Drehbuchautor Olivier Assayas mit seinem Drama „Die wilde Zeit“ Zuschauer in unseren Kinos ein, eine packende und inspirierende Zeitreise zu den französischen Studentenunruhen zu erleben.

Mimik und Gestik lässt tiefe Einblicke in die träumerische Seele voller Sehnsüchte deuten; © NFP*

Der autobiographisch konzipierte Film begleitet den Hauptdarsteller Gilles in einer Zeit, in der für ihn und seine Freunde alles möglich zu sein schien. Ihr unbedingter Wille, politische und gesellschaftliche Ideen zu verwirklichen, die grenzenlose Sehnsucht nach Freiheit und eine grundlegende Gegenwehr zur konservativen Gesellschaft prägten Handeln und Tun der jungen Franzosen, die repräsentativ für die gesamte studentische Bewegung dieser Zeit stehen.

Protagonist Gille, gespielt von Clement Metayer, lebt in Paris. Er steht mit seiner Rolle für die für damalige Verhältnisse vollkommen neue und moderne Lebensart. Seine Leidenschaft für die Malerei, seine politische Aufklärung und sein alles andere als konservativer Lebensstil verkörpern den Charakter der Revolution.

Selbstverwirklichung

Gilles und seine Freunde sind Teil des Umbruchs und nehmen sich dieser Aufgabe als eine persönliche Mission an. Demonstrationen, Nacht und Nebel Aktionen, Propaganda und der stetige Kampf gegen die staatliche Gegenwehr bestimmen das Leben der Studenten. Der Schrei nach Veränderung und dem Verabschieden von klassischen, verstaubten Konventionen sind dabei Antrieb und Motivation. 

Gilles verliebt sich zu dieser Zeit in das attraktive Mädchen Christine, gespielt von Lola Creton. Auch sie kämpft für die Verwirklichung derselben Sehnsüchte und Träume. Zusammen mit Freund Alain, ebenfalls ein passionierter Maler und freizügiger Revolutionär, erlebt der Protagonist zusammen mit anderen Studenten die positiven und negativen Seiten der Aufbruchsstimmung.

Zwischen der Hingabe zur Malerei, seinem leidenschaftlichem politischen Kampf und der Liebe sucht Gilles mehr und mehr seinen Weg sowie nach der Richtung, die sein Leben nehmen soll. 

Eine Lebensphilosophie

Olivier Assayas schafft es mit seinem autobiographischen Drama „Die wilde Zeit“, dem Zuschauer einen Einblick in die Gedanken und Vorstellungen der Jugend dieser Zeit zu geben, um somit Zusammenhänge und Motive zu verstehen. Die Neigung zum „Hippie-Lifestyle“ und die damit verbundene extreme Abneigung gegenüber den vergrauten, klassisch konservativen Normen der französischen Gesellschaft, ist eine Verdeutlichung der gesamten Lebensphilosophie, die fast schon symbolisch für die Ziele der Studenten steht.

Die schauspielerische Besetzung des Streifens ist somit von enormer Bedeutung, da es sich um eine völlig neue Generation von Jugendlichen handelt, die es vorher so noch nie gegeben hat. Die Interpretation der Rolle des Gilles von Clement Metayer ist daher als herausragend zu bezeichnen.

Das Leben des Charakters in einer eigenen Welt, geprägt von den gesellschaftlichen Umständen, und die daraus resultierende Ausstrahlung, Mimik und Gestik lässt tiefe Einblicke in die träumerische Seele voller Sehnsüchte deuten. Auch Christine, mit der Gilles eine Liebesbeziehung führt, strahlt die Kultur und Lebenseinstellung authentisch aus – eine Einstellung, geprägt von Freizügigkeit, besonders in sexueller Hinsicht. Sie steht für die volle Auslebung einer Kultur mit pazifistischer Grundeinstellung, die besonders zwischenmenschliche Nähe ohne Hemmungen mit sich bringt. 

Auch der Rest der Besetzung unterstreicht diese revolutionäre Denkweise durch ihr Auftreten sehr authentisch.

Feingefühl

Regisseur Olivier Assayas, unter anderem bekannt durch seinen 2010 erschienen Film „Carlos – der Schakal“, bleibt seiner Linie treu. Auch damals spielte sein  Streifen innerhalb einer historisch turbulenten Zeit.

Ohne große Action-Szenen und bekannten Schauspielern schafft er es trotzdem mit „Die wilde Zeit“ den Zuschauer durch eine persönliche Geschichte einerseits zu unterhalten, anderseits die geschichtlich wichtige Epoche näher zu bringen. 

Kein Wunder, dass auf den internationalen Filmfestspielen von Venedig 2012 Assayas Drehbuch als das beste gekürt wurde. Mit einer gelungen Mischung aus autobiographischen Elementen und dem Leitfaden der Revolution gelingt es, unterhalten zu werden.

Neue Zeiten

„Die wilde Zeit“ von Olivier Assayas ist eine 120-minütige Reise in eine Zeit, die sehr beeindruckend ist. Ein unterhaltsamer Film mit einer packenden Geschichte, welche zum Nachdenken anregt. Man könnte den Film unter die Rubrik „niveauvolle-Sonntag-Nachmittag-Beschäftigung schieben.


„Die wilde Zeit“

Regie: Olivier Assayas

Darsteller: Clement Métayer, Lola Créton, Felix Armand

Kinostart: 30. Mai

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