Welcome to the Dschungel, everybody

Alle Jahre wieder läuft das Dschungelcamp – doch dieses Jahr gehen die Einschaltquoten durch die Decke. Jeden Abend schauen 50% aller 14-49 Jährigen (also die Hälfte der sogenannten „werberelevante Zielgruppe“) um 22.15 Uhr diese Show, die ein profilierungssüchtiger Politiker gerade menschenverachtend genannt hat. Warum ist das so?

Von Katharina Ohana, Psychologische Beraterin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

 

 

Psychologen lieben diese Sendung: Keine Ethikkommission der Welt würde so eine Menschen-Versuchsanordnung genehmigen – ein Haufen Narzissten alle Altersklassen und jeden Geschlechts, zwei Wochen in Extremsituationen, völlig zurück geworfen auf ihre unbewussten Abwehrmechanismen und Konflikte, weil alle Mittel zur künstlichen Selbstinszenierung nach kurzer Zeit nicht mehr richtig greifen. Die Psyche zieht blank, das Unterbewusste ist pur zu sehen, mit seinen evolutionären Überlebensstrategien.

Vielleicht steckt in jedem Zuschauer ein Hobbypsychologe  oder – was das Selbe ist – der Wille zu Macht (Voyeurismus, Sadismus) über das Leid und Weh anderer. Denn noch spannender als das Verhalten der Teilnehmer ist das Verhalten der Zuschauer. Es gibt mittlerweile „Public Viewing“ zum Dschungelcamp: Menschen schauen zusammen anderen Menschen dabei zu, wie sie ums Lagerfeuer sitzen und Geschichten erzählen oder Schicksalsprüfungen in der Wildnis bestehen müssen. Seit der Steinzeit scheint sich in der Genetik der Psyche des Gruppenwesen Mensch nicht geändert zu haben. 

Und wie in jeder guten Geschichte wird auch in der Dschungelcamp-Geschichte von diesem Jahr deutlich, was uns Menschen zurzeit im globalen Dorf der westlichen Kultur so bewegt, welche Themen gerade verhandelt werden. Da ist vor allem zu beobachten, wie krampfhaft und hilflos die männlichen Teilnehmer versuchen in alten, traditionellen Männerrollen zu bestehen – und wie wenig es ihnen noch gelingt, als „cool Macher mit Plan“ zu überzeugen. Dabei merken sie nicht mal, dass die Frauen, die sie andauernd versuchen mit mehr oder weniger sensiblem Rat und Anweisung durch die Schwierigkeiten des Camp-Alltags zu dirigieren, ihnen längst den Rang abgenommen haben.  Bis zur völligen Realitätsentfremdung versuchen die Männer des Camps wenigstens noch sich selbst zu überzeugen, dass das, was sie tun, noch taff, selbstbestimmt und gewollt wäre. Während die Frauen täglich in Maden baden oder gehäxelte Kakerlaken trinken, sich am Lagerfeuer über die Vorzüge eine Vibrators im Gegensatz zu einem echten Mann austauschen (der Vibrator weiß was er zu tun hat, geht einem beim Frühstück nicht noch auf den Nerv und verlang auch keine falsche Bestätigung), werden die Jungs anforderungsweise zu Petzen, weinerlichen Zynikern oder geben schon nach zwei Tagen ganz auf. 

Offensichtlich wird ebenfalls, dass alle sexuell verwirrenden Teilnehmer (Homosexuelle, Transgender oder Sexuell-unentschlossene) der letzten Jahre gegenüber ihren heterosexuellen männlichen Kollegen eher gut zurechtkommen mit der Extremsituation „hungernde Gruppe in Hitze und Regen unter freiem Himmel, ständig zusammen und von Krabbeltieren bedroht“. Die Parallele ihres Alltagsdschungels mit Anfeindungen, Ausgrenzungen und sonstigen unschönen Übergriffen scheint mit der Dschungelsituation in Australien viel gemein zu haben: Man ist auf die Feindlichkeit in dieser Welt besser eingestellt, genauso wie auf die Auseinandersetzung mit der eigenen Identität, unter besonderen psychologischen Anforderungen.

Das Dschungelcamp ist in seiner Konstellation daher ein Sinnbild für den Überlebenskampf (in) unserer medialen Gesellschaft. Die psychischen Schwächen der Teilnehmer, in der Extremsituation eines Alltags voller Selbstüberwindung, Konflikten und Sinnlosigkeit, werden für uns Zuschauer zur spannungsbefreienden Anschauung: Was wir bei anderen sehen können, macht das eigene Unbehagen greifbarer und daher weniger unheimlich. Sind wir nicht alle ein bisschen Molarissa?! Der Kampf um Anerkennung und Aufmerksamkeit, die Hoffnung auf vermeintlich einfachen, schnellen Rum und Reichtum, der unsere ganze kapitalistische Medienkultur bestimmt und ausrichtet, wird uns in seiner Verlogenheit vorgeführt. Wir müssen nur hinschauen, auf unseren eigenen Alltag, in dem wir selbst mit unserer Identität und unserem Lebenssinn ringen, während unser Selbstwertgefühl und Selbstbild ständig in die Dschungelprüfung muss.

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