Welchen Preis hat das Glück?

Was macht einen Menschen glücklich? Menschen, Dinge, Tätigkeiten? Soziale Prägung oder genetische Disposition? Ist es überhaupt erstrebenswert immer glücklich zu sein? Verliert das Glück durch ein Übermaß seiner selbst an Wert? Kann man wirklich immer glücklich sein? – Und wenn ja, will man das? Welchen Preis würde man für dauerhaftes Glück bezahlen?

Welchen Preis hat das Glück? Rezension zu Richard Powers' "Das größere Glück"

Fischer (Tb.), 2011

Eine Geschichte von Glück und Unglück
„Das größere Glück“ verspricht Richard Powers‘ neuer Roman schon im Titel. Glück, Glücksforschung und die Suche nach dem Glücksgen sind die Themen, mit denen das Buch sich vorrangig auseinandersetzt. Angesiedelt in einer nicht allzu fernen Zukunft verhandelt Powers die Frage nach dem Wert und dem Preis von Glück und Zufriedenheit anhand eines Ensembles gleichwertiger Protagonisten.

Wissenschaftliche und psychologische, persönliche, soziale und mediale Komponenten finden in dieser prallvollen Geschichte Ihren Platz, die zeigt, dass großes Glück manchmal auch ein Unglück sein kann. Verhandelt werden im Roman zudem noch die komplexe Medienrealität und auf Handlungs- wie Metaebene der Prozess des Schreibens und das Schriftstellerdasein.

Literatur und Wissenschaft
Russel Stone – ehemals literarischer Shootingstar, nun von Skrupeln gequälter Redakteur und Dozent für kreatives Schreiben – ist wirklich alles andere als ein Glückspilz. Angst bestimmt sein Leben. Erst als er fast zufällig an einem unbedeutenden College in Chicago einen Kurs über Reisetagebücher annimmt, bekommt sein Dasein wieder Sinn. Dort trifft er nämlich auf eine ganz außergewöhnliche junge Frau.

Thassadit Amzwar fasziniert Lehrer wie Kommilitonen gleichermaßen. Obwohl sie vor ihrer Flucht nach Amerika in Algerien einen grausamen Bürgerkrieg erlebte, bei dem ihre halbe Familie ums Leben kam, darunter ihr Vater, hat die Filmstudentin ein fast beunruhigend heiteres und freundliches Wesen. Nicht nur sie selbst ist stets mit sich im Reinen, sie scheint auch die Gabe zu haben, diesen Zustand auf die Menschen zu haben, die sie umgeben. Dieses rätselhafte Wesen zieht bald nicht nur Russels Interesse auf sich. Als schließlich mittels Medien und Internet die Wissenschaft auf sie aufmerksam wird kommen auch bei der dauerglücklichen Berberin Zweifel auf, ob dieser Wesenszug ein wünschenswerter ist, denn die Forscher wähnen sich dem Glücksgen auf der Spur – und wittern das große Geschäft.

Ein guter Roman, aber …
Die Ideen hinter dem Roman sind gut, die aufgeworfenen Fragestellungen interessant und komplex, das Setting ist stimmig und doch fehlt dem Roman noch etwas um zum „größeren Glück“ für den Leser zu werden. Das Problem ist das Personeninventar. In seinem Bestreben aus jeder möglichen Richtung mindestens einen (Stell-)Vertreter mit eigenen Schwerpunktpassagen, wo der allwissende Erzähler nur bei ihm verharrt, einzubinden, vergisst er etwas ganz Wesentliches. Die Charaktere sind durchaus schillernd. Doch gelingt es Powers nicht, dass sie einem wirklich ans Herz wachsen, dass man mitlebt und -leidet. Das ist schade. Sonst hätte aus einem wirklich guten Roman ein grandioser werden können. Lesenswert ist er aber allemal.

(Gisela Stummer, academicworld.net)

416 Seiten
Fischer (Tb.) (12. Januar 2011)
9,95 Euro


Stand: April 2011

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