Wehe dir, Silvester!

In welchem Alter fing das eigentlich an, dass einen die Frage: „Und was machst du Silvester?“ zu nerven begann? Auf jeden Fall ist sie so sicher, wie die Lebkuchenauslage Ende September, die gefüllten Kirchen an den Weihnachtstagen (und der beleidigte Vorwurf über diese Einmaligkeit der dazugehörigen Institutionen) und das Auftauchen von Lichterketten in den Fußgängerzonen aller unserer Städte.

Katharina Ohana, Psychologische Beraterin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

Genauso verlassen kann man sich auch auf den alljährlichen Aufruf „Brot statt Böller“ und auf die ganzen gefühlsschwangeren Jahresrückblicke aller Fernsehkanäle, die uns zwischen dem Seufzer über die schnelle Vergänglichkeit des Jahres und uns selbst und dem Bewusstsein: „Auch Dir kann nächstes Jahr was ganz besonders  passieren“ in Lebenssinnstimmung versetzen wollen.

So endet jedes Jahr zuverlässig mit einem Gefühl von: „Hach ja….“, bevor wir dann am 2. Januar genau so weiter machen, wie vorher: Neues Spiel, altes Glück bzw. Unglück.

Nachgewiesener Maßen bringen gute Vorsätze zum Jahreswechsel: Nix. Es ist so schwer sich zu ändern, weil wir dazu maximales Leid brauchen. Denn neues Verhalten basiert auf neuen neuronalen Verknüpfungen im Hirn – und die bilden sich nur aus, wenn wir quasi existentiell bedroht sind. Das Hirn braucht ohnehin die meiste Energie unseres Körperhaushaltes (nämlich 40%) und ein noch energieaufwendigerer Umbau ist nur lukrativ, wenn es so wie bisher, wirklich nicht mehr weiter geht – sprich: Krebs, Verlassen werden, Jobverlust, Tod geliebter Menschen – maximaler emotionaler Schock. Dann und nur dann ändern wir uns.

Das können wir übrigens im Kleinen, wie im Großen beobachten: Die Titanic musste erst unter gehen, bevor es auf jedem Schiff genug Rettungsbote gab und der Größenwahn der „Unsinkbarkeit“  peinlich wurde. Es brauchte sogar zwei Weltkriege, bevor durch diese „Schlachtfeste“ in Europa Frieden einkehrte. Es brauchte Fokushima für den Atomausstieg (jedenfalls bei uns angstgeprägten Deutschen) und es wird weit mehr als Sandy oder Katrina brauchen, damit die Amerikaner ihre Energiepolitik ändern. 

Der Mensch lernt nur durch Leid, er ändert sich nur durch Schmerz. Alles andere verursacht lediglich das Gefühl von: „Schön, dass wir mal drüber geredet haben…“. Unser Selbstwertgefühl nimmt einfach den Bonus des eigenen Bewusstseins zu wissen, was gut ist – ohne sich dran zu halten, wenn der eigene, direkte, persönliche Vorteil anders liegt. Deshalb lieben wir all die bewegenden Aufrufe zu einem besseren Verhalten, obwohl wir uns nicht dran halten. Man könnte deshalb auch sagen: Gut ist das Gegenteil von gut gemeint. 

„Und was machst Du an Silvester?“ 

Vielleicht nervt mich deshalb die Frage so, weil ich immer eine Art wehmütige Jahresend-Scheinheiligkeit damit verbinde. Aber natürlich feiere ich jedes Jahr wieder mit, solange mich kein Böller trifft  (der Knallfrosch in meiner Kapuze von vorletzten Jahr hat jedenfalls nicht ausgereicht).

von Katharina Ohana

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