Was wäre, wenn?

Als Jason Priestley in einer der trostlosesten Situationen seines Lebens plötzlich der Frau seiner Träume gegenübersteht, ist der Moment schneller vorbei, als er denken kann. Alles, was von der schönen Unbekannten bleibt, ist eine kleine Einwegkamera mit 15 Fotos. Nach anfänglichem Zögern beschließt er, die Chance zu nutzen und die Frau zusammen mit seinem Freund Dev durch Hinweise auf den Fotos aufzuspüren.

„Diese kleine Sekunde der Hoffnung ist ein Schatz, vielleicht für immer, bis wir auf dem Totenbett liegen […] und noch im Sterben widmen wir einen letzten, selbstsüchtigen Gedanken dem, was vielleicht passiert wäre, wenn wir vor vierundsiebzig Jahren zu dem Mädchen mit den Uggs, das draußen vor dem Nando’s CDs verkaufte, tatsächlich »Hallo« gesagt hätten. Es geht um das Was wäre, wenn?. Das Was dann?. (S.180)

Eher beklemmend als romantisch

Wenn man den Inhalt dieses Buches betrachtet, kann man zu zwei sehr unterschiedlichen Auffassungen kommen: Gedacht war es sicherlich als Geschichte eines Mannes, der nichts unversucht lässt, um seinem Leben nach einer schweren Trennung einen neuen Sinn zu geben. Ein Mann, der durch eine zufällige Begegnung mit einer hübschen Frau neue Hoffnung schöpft und sich, wie der Klappentext es beschreibt, auf eine „witzige und hinreißend romantische Odyssee durch London“ begibt.

Leider geht der Schuss nach hinten los und sie wirkt vielmehr wie die Geschichte eines depressiven Menschen ohne Lebenssinn und ohne Zukunftsvisionen, der sich, an Oberflächlichkeit kaum zu übertreffen, wortwörtlich auf den ersten Blick in eine Frau „verliebt“, sie daraufhin in seiner Fantasie idealisiert und schließlich stalkt.

Am Aufbau des Buches ist deutlich zu erkennen, dass es nicht um die psychologisch gesehen interessant Betrachtung eines obsessiven Stalkers handeln soll, sondern um eine Geschichte, die die oftmals merkwürdigen Wege der Liebe beschreibt. Die versprochene hinreißende Romantik sucht man allerdings vergeblich, da die Ausgangssituation an sich bereits viel zu gruselig ist und auch kaum Sympathie für den Protagonisten aufkommen will.

Ernüchternd und ermüdend

„Im Spiegel hinter ihm erblickte ich mein Gesicht. Ich sah müde aus. Manchmal betrachte ich mich und denke: »So sieht es jetzt aus? «, und dann denke ich: »Ja, so sieht’s aus. Besser wird es nicht werden. Morgen wird es nur noch schlimmer, und so geht es immer weiter, bis ans Ende aller Tage. « (S.22/23)

Jasons Denken und Handeln ist geprägt von seiner negativen Lebenseinstellung und seine depressiven Gedankengänge, in denen er oftmals vom Schlimmsten ausgeht, sind geradezu ansteckend. Insgesamt schaffen es die auftretenden Personen kaum, Interesse zu wecken. Dev ist ein platter, stereotyper, sehr künstlich wirkender Charakter, dessen einzige hervorstechende Eigenschaft es ist, sich in der Art, wie er handelt und spricht, an das Herkunftsland seiner derzeitigen, stets wechselnden, Angebeteten anzupassen.

Immer wieder hängen die beiden in trägen „Was wäre wenn“-Überlegungen fest, treten auf der Stelle und kommen, genau wie die Geschichte, kaum voran. Rund 200 Seiten weniger hätten dem knapp 500 Seiten dicken Buch sicher nicht schlecht getan.

Im Grund geht es immer wieder um das Schicksal, um die Hoffnung … und um die Hoffnung auf das Schicksal. Wenn die Geschichte denn mal vorangeht, ist dies fast immer unglaubwürdigen, stark konstruiert wirkenden Zufällen zu verdanken. So kommt es zum Beispiel mehrfach vor, dass der Protagonist zufällig jemandem begegnet, der ein zufällig gerade herumliegendes oder hervorblitzendes Foto sieht und ebenso zufällig bei genau diesem Bild weiß, wo sich der gesuchte Ort befindet.

Ich-Perspektive und Wiederholungen

Stilistisch gesehen hat das Buch eine Besonderheit aufzuweisen: Es ist sicherlich ungewöhnlich, dass der Protagonist sich selbst vorstellt, den Leser direkt anspricht und unbeantwortete Fragen stellt. Das ist an einigen Stellen interessant, führt an anderen aber auch zu überflüssigen Füllsätzen, bei denen Jason ironischerweise selbst die Unwichtigkeit und Überflüssigkeit dieser Passagen betont.

Die Geschichte lässt sich angenehm leicht lesen und weist die ein oder andere gelungene Stelle auf. Schade ist allerdings, dass zahlreiche Wiederholungen auftauchen und speziell der Humor sich sehr auf deren Wirkung verlässt. Neben Devs bereits erwähnter Anpassung an seine Angebeteten, hat auch Jason solch eine wiederkehrende Angewohnheit, die vielleicht beim 1. Mal lustig daher kommt, aber spätestens bei dem dritten Wiederkäuen nervt. Hinzu kommt, dass viele der Witze im Buch an sich bereits nicht lustig sind und andere durch die Übersetzung gänzlich ihre Bedeutung verlieren.

Fazit

Leider kam bei mir kaum Interesse für die Charaktere oder den Verlauf der Geschichte auf. Im Endeffekt stellt sich mir die Frage, warum man etwas über das miserable Leben einer fiktiven Person lesen wollen sollte, das weder zum Lachen, noch zum Mitfühlen oder Nachdenken anregt. Auch wenn „Auf den ersten Blick“ grundsätzlich nicht schlecht ist, gibt es auf dem Markt sicherlich zahlreiche Bücher, die dem Versprechen „witzig und hinreißend romantisch“ auch tatsächlich nachkommen und insgesamt besser zu unterhalten wissen.

Jenny Wunsch (academicworld.net-userin)

Danny Wallace. Auf den ersten Blick.
9,99 Euro. Heyne Verlag.

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