Was ist Liebe?

Die Tochter eines Freundes fragte mich neulich: „Was ist denn überhaupt Liebe?“ (Sie war in der Schule gehänselt worden, weil sie „angeblich“ in einen Jungen verliebt war. Sie fand den aber nur „cool“, also ganz gut, weil er nicht so „eine Dumpfnase“ wie die anderen Jung ist….

Katharina Ohana, Psychologin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

Gute Frage, liebe Marie, die Du Dir wohl noch häufiger im Leben stellen wirst.

Liebe ist ganz allgemein der Kitt zwischen den Menschen.

Liebe ist kein zufälliger Überschuss der Evolution, sondern die Motivation hinter all unserem Handeln. Sie lässt uns im optimalen Fall das Leben als wertvoll erscheinen: Wirkliche, erfüllende gegenseitige Wertschätzung, als tiefes Gefühl der Anerkennung und der sozialen Verbundenheit gibt unserem Leben Sinn. Aber Liebe, als erfüllendes Miteinander, muss man geben und nehmen lernen.

Wir klammern uns an die romantische Idee, die Liebe wäre eine Himmelsmacht, die uns Menschen von unseren irdischen Erfahrungen entbindet. Jedoch werden wir, je tiefer und intensiver die Beziehung zu einem anderen Menschen ist, um so mehr von den Verhaltens- und Emotionsmustern aus unserer Kindheit ferngesteuert: In unseren Partnerschaften (dem intensievsten Miteinander mit anderen Menschen) lieben wir den Anderen immer mit unserer gelernten, unbewussten Bindungserfahrung.

Tief in unserem Inneren ist ein Teil von uns immer noch das Kind, das hofft, dass man seine Not erkennt, ihm zeigt, dass es wertvoll und wichtig ist. Wir erwarten als Erwachsene von unserem Partner, dass er uns bedingungslos liebt, egal wie schwach wir sind, wie wir aussehen, was wir anstellen – so wie unsere Eltern es hätten tun müssen, als wir Kinder waren. Wir suchen im anderen unsere Eltern und bemühen uns auf die gleiche Art und Weise um seine Liebe, wie wir uns um die Liebe unserer Eltern bemüht haben. Leider bekommen wir daher (meist) auch nur die gleiche Art von Liebe.

Bei allen Menschen finden sich im Umgang mit dem Partner, Freunden oder Kollegen Reste dieser kindlichen unreifen Liebe und daraus hervorgehender alter Sehnsüchte. Diese Liebe sucht in den Augen der anderen immer die schmerzlich vermisste Wertschätzung: Der andere bestimmt mit seiner Zuwendung maßgeblich das eigene Selbstwertgefühl und Wohlbefinden – genauso wie es einstmals die Eltern taten.

Jede Beziehung zu einem Menschen mit infantilen Bestätigungs- und Liebesforderungen spiegelt aber auch die unreifen Anteile der eigenen Persönlichkeit. Die Liebesmuster der Partner passen zueinander wie Pusselteile: Die emotionalen Muster ergänzen sich in ihrem Kampf um Anerkennung und Aufmerksamkeit. Zu einer unreifen Beziehung gehören immer zwei.

„Die Hölle, das sind die anderen“, schreibt Jean Paul Sartre und man könnte hinzufügen …weil sie uns unseren Wert nicht so bestätigen, unsere Bedürfnisse nicht so befriedigen, wie wir es uns wünschen. Jeder, der in seiner Kindheit nicht genug Wertschätzung und gesunde Liebe erfahren hat, dessen Leben ist bestimmt von der Suche danach. Sie wird zur Priorität, zur treibenden Kraft und sie behindert unsere Entfaltung: Ein schlechtes Selbstwertgefühl macht unfrei und unglücklich.

Von Academicworld-Expertin Katharina Ohana

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