Warum Liebe weh tut

„Die Verpflichtung sich zu binden, bedeutet, eine Wahl zu treffen, mit der man darauf verzichtet, sein künftiges Wohl um jeden Preis zu steigern. Eine Bindung impliziert eine spezifische Fähigkeit, das Selbst in die Zukunft zu projizieren, die Fähigkeit, den Prozess des Suchens und Entscheidens zu beenden…“, schreibt die Soziologin Eva Illouz in ihrem Buch `Warum Liebe weh tut ´ (doofer Titel, hervorragendes Buch). Sie sagt sehr richtig: „Ich liebe Dich im Moment“ bedeutet deshalb: „Ich liebe Dich gar nicht“.

Katharina Ohana, Psychologin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

Leider widerspricht diese Bindung, dieses Bild von mir selbst in der Zukunft (nämlich auch in der Zukunft mit dieser Liebe, diesem Menschen), dem großen Anspruch an unsere Selbstverwirklichung, der heute über allen anderen Werten herrscht. Denn Selbstverwirklichung geht von einem sich ständig veränderndem Selbst aus, das sich verbessert, somit evt. auch seine Partnerwahl verbessert. 

„…in romantischen Zusammenhängen werden Versprechen komisch, wenn Beziehungen auf der permanenten Ausübung der Wahlfreiheit beruhen und die Wahl sich auf ein essentialistisches Gefühlsregime stützt, also auf die Überzeugung, dass Beziehungen in aufrichtigen Gefühlen gründet und von diesen Gefühlen, die der Beziehung voraus gehen und sie fortwährend zu konstituieren haben, getragen werden müssen. Gefühle gelten als spontane, unfreiwillige, nicht vom Willen beherrschte Zustände, was es in der Tat komisch macht ein Versprechen abzugeben,“ schreibt Illouz weiter.

Unsere Selbstverwirklichung, unser Wille, der auf unserem Gefühl beruht und sich verändert mit dem Gefühl während der Selbstverwirklichung, läuft wohl gerade deshalb einer festen Bindung, einem (Ehe-) Versprechen so oft zuwider, weil sie stärker ist, als das Versprechen. 

In früheren Zeiten war das andersherum: Wer nicht hielt, was er versprach, war raus aus der (guten) Gesellschaft. Selbstverwirklichung hatte dagegen wenig Wert.

Dieses heutige Dilemma muss jeder für sich selbst entscheiden. Aber vielleicht ist ihm das oft erst jenseits der Vierzig möglich, wenn sein Selbst schon sehr viel weiter verwirklicht ist. Daher scheitern Ehen jenseits der Vierzig auch nur noch zu 19%. 

Es stellt sich also die grundlegende Frage: Wie weit läuft mein Partner zu meiner Selbstverwirklichung parallel? Wie weit ist diese fortgeschritten? Wie sicher bin ich mir mit mir Selbst? Ja-nein-weißnicht- Menschen haben deshalb so Bindungsprobleme. Nur liegt das nicht an der Qualität des Partners, sondern an ihrem Selbst: Selbst Schuld!

Von Katharina Ohana, Psychologin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

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