Warum gibt es eigentlich Neurosen? TEIL II

1961 wurde in New Haven das berühmte Milgram-Experiment durchgeführt. Es bewiest eindrucksvoll, wie normale Bürger unter bestimmten Umständen zu sadistischen Handlangern werden können, wenn eine Machtinstanz und Werteordnung dies von ihnen verlangT: Versuchspersonen teilten bereitwillig starke Stromstöße an Opfer aus, weil ihnen von vermeintlichen Wissenschaftlern gesagt wurde, dies sei Teil eines wichtigen Versuchs – und das Experiment wolle man ja wohl nicht scheitern lassen! Trotz der qualvollen Schreie ihrer vermeintlichen Opfer erfüllten sie – zum Teil sogar sehr ehrgeizig – die Anweisungen.

Psychologin und Bestsellerautorin Katharina Ohana

Gerade hat der Psychologe Jerry M. Burger von der Santa Clara University in Kalifornien das Experiment erneut durchgeführt und damit die Hoffnung zerstört, die Menschheit hätte sich seit den frühen 60er-Jahren weiterentwickelt. Dabei gab es keine Unterschiede zwischen Alten und Jungen, Männern und Frauen, sozialen Schichten, Frommen und Ungläubigen oder den Anhängern unterschiedlicher Religionen oder Weltanschauungen: Nur ein Drittel widersteht der Versuchung der Macht, zwei Drittel nicht – so ist der Mensch.

Ein schlechtes Selbstwertgefühl mit seiner verdrängte Angst und Wut ist eine schlummernde Zeitbombe. Es kann unter bestimmten Umständen angezapft und gelenkt werden. In Kriegen und bei Völkermorden, aber auch im Alltag unserer so friedlich erscheinenden Gegenwart können Menschen, die sonst ein ganz normales Leben führen, keine abnormalen Verhaltensweisen und Hirnstrukturen aufweisen, zu Folterern oder sogar Massenmördern ohne jedes Gewissen werden. Wie kann das sein?

Dieses schrecklich Phänomen erklärt sich aus dem Zusammenspiel von verschiedenen, starken, negativen Emotionen, die plötzlich die Regie über das Selbst übernehmen: Angst bei gleichzeitiger emotionaler Abstumpfung (z.B. durch viele gesehene Gräuel und hierzu zählen auch sehr realistische, blutgetränkte Gemetzel in Videospielen), Orientierungssuche, Sehnsucht nach Anerkennung in der Gruppe – und das Gefühl, andere seien an dem, was einen verunsichert, schuld und die eigene Situation werde besser, wenn man diese Menschen tötet.

Autoritäre Erziehung und/oder Desinteresse, erlittene Respektlosigkeit und/oder Demütigungen schaffen die zugrunde liegende Voraussetzung für Vorurteilsbereitschaft und Idealisierungseifer. Aufgestaute, verdrängte Wut schaltet rationale Abwägung aus, geforderte und geförderte Verbrechen werden somit leicht zum Ventil für die inneren Spannungen: Damit sich diese „bösen“ Emotionen durchsetzen, sind Werte notwendig, die die destruktiven Gefühle eines labilen Selbstbildes für wünschenswert halten. Das kann ein reales politisches System sein, aber auch der angestrebte Sieg in einem allgemein beliebten Spiel, dass die Tötung vieler (virtueller) Gegner verlangt und bei Spielsüchtigen zur Alltagsrealität wird: Das Böse muss als etwas Gutes autorisiert werden, über das man sich profilieren kann. Mit dieser Instanz im Rücken kann man den in sich schlummernden destruktiven Emotionen plötzlich freien Lauf lassen.

Die Nationalsozialisten haben sich besonders geschickt den Mechanismus der Selbsterhöhung zu Nutze gemacht. Ihre Ideologie und Propaganda von deutscher Überlegenheit war hervorragend geeignet, um schwache Selbstwertgefühle im autorisierten Gemeinschaftsgefühl der Masse zu heben. (Wer schon einmal einen „Selbstwertrausch“ in einer Konzertarena oder bei einem Fußballspiel, etc. erlebt hat, kann vielleicht erahnen, wieso die Menschen von der Bewegung des Nationalsozialismus so stark ergriffen wurden.) Einfache Antworten, ein einfaches „Richtig“ und „Falsch“ schafften Sicherheit und Orientierung vor dem Hintergrund der Verunsicherung durch den ersten Weltkrieg, der Demütigung durch den Versailler Vertrag, Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit und der neuen Regierungsform der Weimarer Republik.

Nach dem verlorenen ersten Weltkrieges gaben die Nationalsozialisten mit ihren Überlegenheitsparolen den Deutschen wieder das Gefühl, „jemand zu sein“. Durch die Identifizierung mit dem Führer und durch die Beschwörung gemeinsamer deutscher Werte von Stärke und Rassenreinheit konnte Kriegseuphorie geschürt werden: „Das Deutsche“ war überlegen, man war „deutsch“, man war überlegen. In dieser Selbstüberhöhung fühlten sich die Menschen auch im Recht, andere, angeblich Minderwertige, anzuzeigen, zu quälen und zu vernichten. In der Minderheitenverfolgung der damaligen Zeit zeigt sich auf schreckliche Weise der psychische Mechanismus des Größenwahns durch die Aufwertung in der eigenen Gruppe, Rasse, Nation, verbunden mit der Verschiebung der eigenen Schwächen auf die Fremden, die Sündenböcke, die (zusammen mit den eigenen Schwächen) ausgestoßen und vernichtet werden sollten.

In der Werteordnung des dritten Reiches wurde von den Menschen verlangt, ihre Individualität pflichtbewusst den höheren Zielen des Volkes unterzuordnen. Eigenverantwortung und eine eigene Meinung waren, im Gegensatz zu Vaterlandsliebe und Marschieren im Gleichschritt, negativ bewertet. Dafür wurde schon in der autoritären Kindererziehung der „eigene Wille“ gebrochen, um den Menschen die Voraussetzung für einen eigenen Standpunkt zu nehmen.

Prinzipiell ist das Selbstwertgefühl unabhängig von der Intelligenz. Jeder Mensch mit einem schlechtem Selbstwertgefühl ist anfällig für Größenwahn. Intelligente Menschen sind darin sogar besonders gefährlich, denn sie stellen ihre herausragenden Fähigkeiten in den Dienst dieser Selbsterhöhung. Wenn die Sehnsucht nach Anerkennung groß ist und wenn die Verfolgung von Fremden, Andersgläubigen plötzlich als anerkennenswert gilt und man sich damit in der eigenen Gruppe profilieren kann, schaffen die wenigsten Menschen, ein „Ich nicht!“ zu leisten. Ein schwaches Selbstwertgefühl lässt Menschen Konzentrationslager bauen und gleichzeitig Wagner-Konzerten lauschen, Menschen quälen und gleichzeitig pflichtbewusste Familienpatriarchen sein – wenn beides Ansehen, Stabilität und Wertbestätigung verschafft.

Nur Menschen mit einem gesunden Selbstwert und einer eigenen gefestigten Moral haben in Zeiten, wo es als gut gilt andere zu töten, einen Referenzrahmen, ein Stück Freiheit in ihrem Willen, das sie auch unter großem Druck nicht völlig in den gültigen offiziellen Werten ihrer Gruppe aufgehen lässt. Sie haben ihr eigenes Maß. Sie haben ausreichend gesunde Liebe und Respekt erfahren, um sie unter keinen Umständen kompensieren zu müssen.

Nach 1945 wurden die offiziellen Werte der Zeit des Nationalsozialismus von einer demokratischen Nachkriegswerteordnung abgelöst. Nun galten plötzlich Eigenverantwortung und Gleichberechtigung als erstrebenswert. Es gab keine Ventile mehr für Wut, Selbstzweifel und die erlebten Schrecken; frühere Feinde wurden plötzlich wieder zu Mitmenschen, jede ausgelebte Aggression wurde nicht mehr als Zeichen von Stärke, sondern als Unreife abgewertet. Doch die meisten Menschen waren noch von der alten Ordnung erzogen und geprägt worden. Woher sollten sie die plötzliche Stärke nehmen ihre Schuld einzugestehen und sich selbstverantwortlich zu verhalten, ihre Kinder mit Rückgrat zu erziehen und eine eigene, gutüberdachte Meinung zu bilden?

Einem schwachen Selbstwertgefühl ist es unmöglich, die eigene Schuld einzugestehen. Ein schwacher, unreifer Mensch schafft es nicht, Fehler zuzugeben und die Verantwortung für das eigene Verhalten zu übernehmen, denn das gehört ja gerade zu den Fähigkeiten eines reifen, starken Charakters.

Bei einem so plötzlichen Wechsel der herrschenden Werteordnung, wie im Deutschland der Nachkriegszeit, wird deutlich, wie grundlegend unsere Werte für das Denken, Empfinden und Leben der Menschen sind. Sie bestimmen unser Selbstverständnis, sind ein Teil unserer Persönlichkeit. Wir messen uns an ihnen, werden von ihnen gemessen und messen andere an unseren Werten, selbst wenn sie von ganz andere Werten geprägt sind. Und je schwächer unser Selbstwertgefühl ist, um so stärker halten wir uns am Gerüst der offiziellen Werte und ihrer Autoritäten fest und um so mehr bestimmt ihr Richtig und Falsch unser Leben.

Durch unsere Schwächen werden wir schuldig. Deshalb ist das Gedenken an die Verbrechen des Nationalsozialismus so wichtig. Denn der psychische Mechanismus der Massengleichschaltung durch Identifikation und Selbsterhöhung existiert in jedem von uns und kann deshalb immer wieder für menschenverachtende Ideen missbraucht werden. Doch wer die herrschende Werteordnungen hinterfragt, auf neurotisches Verhalten in den eigenen Reihen aufmerksam machen, sich gegen die geschönte Bilanz der offiziellen Werte wehrt, sieht sich auch heute noch oft genug mit dem  Vorwurf der „Nestbeschmutzung“ konfrontiert. Das ist in Familien nicht anders als in Nationen und zeigt, wie nötig unser Selbstwertgefühl oft die übergreifende Identifikation mit der „guten Gruppe“ benötigt, um sich zu stabilisieren. Wir können es in unserem privaten Leben, aber auch in der Weltpolitik jeden Tag beobachten: China versucht seine Macht auf Tibet auszuweiten (was weltweit als schlecht gilt) und behauptet, der Dalai Lama und seine „Clique“ würden zu Aggression aufrufen und nur deshalb müsste sich China wehren (sich wehren gegen einen Angreifer gilt als gut und gerechtfertigt). Auch die Türkei mit ihrem uneingestandenen Genozid an den Armeniern und den Morden an Journalisten, die das offen aussprechen, genauso wie die USA, die die Verteidigung ihrer Werte durch Folter oder mangelnde Aufklärung und Bestrafung der Schuldigen konterkarieren oder Israel, dass selbstherrlich seine Siedlungspolitik nicht ändert, sind nur drei aktuelle unter vielen, traurigen Beispielen.

Auf solch einer nationalen Ebene können wir die Macht der Werte und den Willen des Menschen „gut“ zu sein, zu einer Gruppe zu gehören, die besser ist als alle anderen, in ihrer gefährlichen Lächerlichkeit erkennen. Aber vielleicht setzt sich ja eines Tages international der Wert durch, aus den Fehlern der eigenen Geschichte zu lernen, sie lückenlos aufzudecken, damit psychische Unreife wenigsten nicht mehr staatlich legitimiert zu neuen Abgründen menschlichen Verhaltens führt.

Von Katharina Ohana


Stand: Juni 2012

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