Warum das römische Weltreich untergegangen ist, aber Europa bessere Chancen hat

Spätrömische Dekadenz und Krisenzeiten. Im Jahr 410, vor 1.600 Jahren, sehen die Historiker den Anfang vom Ende des römischen Weltreiches. Gibt es da irgendwelche Analogien? David Lins suchte das Gespräch mit Frank Stefan Becker, einem Doppelagenten in Sachen Bildung, um über Vergangenheit und Zukunft zu sprechen.

„Rome Reborn“, eine Computersimulation der der Universität Virginia, erlaubt Spaziergänge durch das alte Rom. © 2010 Bernard Frischer

Im August 410, vor rund genau 1.600 Jahren, plünderten die Goten Rom – der Anfang vom Ende, so sagt man. Oder wo sind die Gründe für den Untergang zu suchen?
Sie sind sicher vielfältig, also sowohl außenpolitischer und sozialer, teilweise auch ökonomischer Natur. Als das Reich gegen Ende des 4. Jahrhunderts in eine schwere Krise geriet, fehlten die Selbstheilungskräfte. Es gab zu viele Befehlsempfänger und zu wenige engagierte Verteidiger aus den Reihen der traditionellen Oberschicht.

Die eingefallenen Germanen wollten Siedlungsland – nicht das Reich zerstören. Doch als sie in den Westprovinzen nach und nach die Macht übernahmen, waren sie außerstande, den komplexen Organismus am Leben zu erhalten. So haben sie ungewollt die Grundlagen dieser Weltzivilisation vernichtet.

Roms Untergang als unausweichliches Ende?
Nur bedingt. Um 260 nach Christus hätte ich als Beobachter schon einmal keinen Sesterz auf Roms Fortbestand gewettet. Barbareneinfälle über Donau und Rhein, die Hauptstadt selbst bedroht, die Westprovinzen unter einem Gegenkaiser abgespalten, der Seniorkaiser in persischer Gefangenschaft und die Ostprovinzen unter der faktisch unabhängigen Herrschaft der Wüstenstadt Palmyra.

Ein hoffnungsloses Horrorszenarium, das den Hintergrund für mein Buch „Der Abend des Adlers“ bildet.

Von dem sich das Imperium aber erholt hat?
Ja, es zeigt die Tragfähigkeit der Reichsidee, dass der politische Organismus das überstand. Erst kamen starke Soldatenkaiser, dann der geniale Organisator Diokletian, der dem Reich quasi eine bürokratische Zwangsjacke verpasste. Nur konnte er damit den Bürgersinn nicht wieder herbeizwingen, der Rom einst groß gemacht hatte.

Der Kaiser produzierte Befehle und erzeugte Untertanen. Diese gehorchten, so lange der Staat stark genug war, externe Bedrohungen zu meistern. Das funktionierte bis 378, der Niederlage der Römer bei Adrianopel gegen die Goten – dem Vorspiel zur Eroberung Roms 410.

Dass das Imperium prinzipiell überlebensfähig war, zeigt der Ostteil des Reiches, der erst 1453 dem türkischen Ansturm erlag.

Und Diokletians Nachfolger Konstantin?
Als Machtpolitiker war er kaum besser. Nur verband er die Kaiserherrschaft mit dem Christentum. Eine revolutionäre Idee, die in Europa bis zum Ende des ersten Weltkriegs nachgewirkt hat, als der russische Zar und die Kaiser in Deutschland und Österreich abdanken mussten.

Da wir schon bei der Gegenwart sind: Vor ein paar Jahrzehnten galten die Amerikaner als die modernen Römer: Getrieben von starkem Imperialismus, ausgestattet mit einer faktisch weltweit gültigen Währung, mit Hollywood zur Unterhaltung des Volkes und der Welthauptstadt New York. Was halten Sie davon?
Eine interessante Analogie, die ja auch die Grundlage der Asterix-Comics bildet. Tatsächlich könnten viele Bauten in Washington, würde man sie bunt anstreichen, als Kulisse für einen Rom-Film dienen.

Selbst der Wahlspruch „E Pluribus Unum“ auf dem US-Siegel, also „Aus Vielen Eines“, sowie manche Art der politischen Profilierung der Elite über private Gelder erinnert sehr an Rom. Für beide Gesellschaften typisch ist auch die religiöse Vielfalt, der hohe Stellenwert der Unterhaltung sowie die soziale Mobilität, die Ausländern den Aufstieg erleichtert.

Rücken aber mittlerweile nicht eher die Europäer, beziehungsweise das vereinte Europa, in diese Rolle? Auch wir haben eine einheitliche Währung, ein System von Gesetzen – die oft ihre Ursprünge im römischen Recht haben – von Gerichten und Verwaltungseinrichtungen. Muss man bei diesen ganzen Parallelen auch Analogien fürchten?
Traditionell hat man Europa eher mit den griechischen Stadtstaaten verglichen: Ehrwürdige Kulturzentren, doch politisch eifersüchtig auf ihre Unabhängigkeit bedacht und von daher unfähig zu gemeinsamem Handeln. Wenn wir uns freiwillig zusammenschließen, hätten wir aus der Geschichte gelernt. Damit wählen wir jedoch einen anderen Weg als das Imperium, das seinen Ursprung schließlich in den Eroberungen einer einzigen Stadt hatte.

Sie sprachen eingangs von einer Weltzivilisation. Nun werden die logistischen und architektonischen Leistungen der Römer zwar sehr bewundert, gleichwohl erscheint dem modernen Menschen diese Zeit in erster Linie sehr barbarisch …

Ein berechtigter Einwand. Nur wird unser Rombild natürlich stark durch antike Skandalchroniken und effekthascherische Sandalenfilme geprägt. Wenn ein Menschenalter lang in einem Riesenraum von Schottland bis Ägypten weitgehend Frieden, weltanschauliche Toleranz und Wohlstand herrschen, so gibt das keinen Filmstoff her. Für die Menschen des zweiten Jahrhunderts war das aber die Lebenswirklichkeit –  ein Zustand, der in den nächsten anderthalb Jahrtausenden nicht wieder erreicht wurde. Zur Barbarei im „aufgeklärten“ 18. Jahrhundert zum Beispiel lese man den Bericht über die Hinrichtung Damiens, des gescheiterten Attentäters auf Louis XV. Und die Diktatoren des 20. Jahrhunderts übertrafen alle Kaiser an systematischer, flächendeckender Grausamkeit. Demgegenüber bedrohten die Exzesse einiger Herrscher das Leben der Elite in der Hauptstadt, berührten aber kaum den Alltag in den sich selbst verwaltenden Städten der Provinzen.

Gibt es aus Ihrer Sicht Wert- und Moralvorstellungen der damaligen Zeit, die der heutigen Gesellschaft durchaus gut zu Gesicht stehen würden?
Da muss man natürlich zwischen dem frühen Rom und dem Spätreich unterscheiden. Vor einigen Jahrzehnten hätte ich gegenüber der Blütezeit im zweiten Jahrhundert noch etliche Defizite zu nennen gewusst, aber heute haben wir sowohl die europäischen Diktaturen als auch viele Diskriminierungen in der Gesellschaft überwunden. Vorbildlich war Rom sicher in den Aufstiegsmöglichkeiten für unterworfene Völker oder Reichsfremde. Man stelle sich einmal vor, zur Zeit der europäischen Kolonialreiche wäre ein Inder englischer Ministerpräsident, ein Afrikaner deutscher Kanzler geworden. Im Rom der Kaiserzeit war Vergleichbares möglich.


Frank Stefan Becker ist Bildungs- und Hochschulexperte bei Siemens. Der Physiker schreibt so ganz nebenbei aber auch akribisch recherchierte historische Romane. Zuletzt ist von ihm „Sie kamen bis Konstantinopel“ im Verlag Philipp von Zabern erschienen.


Stand Juni 2013
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