Wann ist ein Mann ein Ritter?

Dass George R. R. Martin ein großartiger Erzähler ist, dürfte spätestens seit dem weltweiten Erfolg der Serie „Game of Thrones“ kein Geheimnis mehr sein. Im selben Kosmos sind auch die Kurzgeschichten um Dunk & Egg angesiedelt – allerdings einige Jahrzehnte früher. Die Comic-Adaption ihres ersten Abenteuers „Der Heckenritter“ erscheint aktuell erstmals im erschwinglichen Softcover. Für alle, die die Zeit bis zur nächsten Staffel nicht mehr abwarten können bieten sich auch hier optische Highlights zur Genüge.

Wann ist ein Mann ein Ritter?
Gegen Drachen kämpfen in Dunks Welt nur noch die Ritten in Geschichten. © Panini

Strahlende Helden?

Wie generell in der Welt von „A Song of Ice and Fire“ ist es auch in dieser gezeichneten Version der Novelle nicht weit her mit den Muster-Helden. Die, die per se dazu geeignet scheinen sind oft alles andere als astreine Charaktere – feige Trunkenbolde oder gemeine Widerlinge – und die, die sich „richtig“ verhalten, bezahlen oft genug teuer dafür. Trotzdem weiß auch dieser Besuch in Martins Welt zu fesseln, gerade weil es so realistische, düstere Fantasy ist, die der Amerikaner schreibt. Unterstrichen wird das in mustergültiger Art und Weise durch die detailverliebten Zeichnungen von Mike S. Miller. Kraftvoll, aber durchaus düster sind die Bilder. Die Geschichte selbst wurde von Autor Ben Avery behutsam an das veränderte Medium angepasst. So wurde etwa aus der typisch martinschen Point-of-View-Erzählweise ein klassischer Ich-Erzähler. Das schadet allerdings im Fall der Kurzgeschichte kaum, weil sich diese ja, im Gegensatz zu den Romanen, ohnehin auf die Perspektive von Dunk beschränkt.

Dunk ist ein junger, tatkräftiger Mann. Von klein auf zieht er mit dem Heckenritter (ein fahrender Ritter, ohne Land und festen Herrn) Ser Arlan von Pennytree durch Westeros. Als der alte Mann stirbt, steht Dunk plötzlich allein mit dessen Habseligkeiten da. Kurzerhand beschließt er an einem bevorstehenden Turnier in der Nähe teilzunehmen. Eigentlich dürfen das nur Ritter, doch Arlan hat ihn gut ausgebildet und zu einem ehrenwerten Mann erzogen. Das freilich sieht man nicht auf den ersten Blick und Dunk, der sich als „Ser Duncan der Große“ vorstellt, hat auch einige Probleme, als er sich für das Turnier eintragen will. Sein Glück ist, dass Baelor Breakspear, Erbe und rechte Hand des Königs, vor Ort ist – ein überaus umsichtiger Mann. Doch bevor Dunk sich im Tjosten beweisen kann handelt er sich Ärger mit einem anderen Targaryen-Prinzen ein – und erfährt, wer sein Knappe Egg, den er in einem Wirtshaus am Wegesrand kennengelernt hat, wirklich ist. 

Wann ist ein Mann ein Ritter?

Düster-realistische Fantasy

Inhaltlich mag die Geschichte dieser Graphic Novel vielleicht ein wenig an den Heath Ledger Film „Ritter aus Leidenschaft“ erinnern, doch typisch Martin sind die angeschnittenen Themen deutlich düsterer ausgefallen – der „Held“ bekommt noch nicht einmal das Mädchen. Der Fantasy-Aspekt ist übrigens auch in dieser Geschichte lediglich Teil der immanenten Geschichte. Schließlich kehrt die Magie erst in „A Game of Thrones“ zurück in diese Welt. Doch auch ohne allzu viel Magie weiß dieser Comicband zu fesseln – und nicht nur überzeugte Comic-Leser.

Wer sich selbst ein Bild machen will findet übrigens hier eine Leseprobe: http://mycomics.de/digital/fantasy/heckenritter-1.html 

Gisela Stummer (academicworld.net)

George R. R. Martin (Vorlage), Ben Avery (Autor), Mike S. Miller (Zeichner). Der Heckenritter
16,95 Euro. Panini 

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