Wahn und Wirklichkeit

Ein geheimnisvoller Regisseur, seine tote Tochter und ein hartnäckiges Trio, das für die Wahrheit weder Tod noch Teufel scheut – das vermischt Autorin Marisha Pessl in ihrem zweiten Roman “Die amerikanische Nacht” zu einer spannenden Geschichte um Besessenheit und (Aber-)Glauben.

Wahn und Wirklichkeit

Genie oder Psychopath?

Sein Fans sind fast schon Jünger, sein Leben ist ein großes Geheimnis, aber seine Horror-Filme Kult: Stanislas Cordova. Vor Jahren bekam der Enthüllungsjournalist Scott McGarth einen Hinweis darauf, dass der Filmmacher in geheimnisvolle Vorgänge „mit Kindern“ verwickelt ist. Als er sich dabei zu weit aus dem Fenster lehnte, haben Cordova und seine Schergen ihn zu Recht gestutzt. In Folge dessen hat er Job und Frau verloren und schlägt sich nun mehr schlecht als recht durch.

Bis zu dem Tag, fünf Jahre später, als ihn die Meldung aufhorchen lässt, dass Cordovas schöne Tochter Ashley mit gerade einmal 24 Jahren tot aufgefunden wurde. In einer verlassenen Lagerhalle in Manhattan. Vermutlich Selbstmord. Hat vielleicht der übermächtige Vater etwas damit zu tun? Scott sieht einen potenziellen Angriffspunkt und eine Möglichkeit sich zu rehabilitieren und fängt an, Nachforschungen anzustellen.

Auf seiner Reise in die menschlichen Abgründe und der Suche nach Wahrheit gabelt er alsbald den jungen Hopper auf, der mit Ashley eine geheimnisvolle gemeinsame Vergangenheit hat und Nora Halliday, die letzte Person, die Ashley lebend gesehen hat. Aus der Zweckgemeinschaft der drei wird bald eine eingeschworene Truppe. Aber ihre Ziele sind mitnichten identisch.

Tod oder Teufel?

Eine wilde Mischung aus Ich-Erzählung des Reporters Scott und einer ganzen Collage liebevollster dokumentarischer Materialien bildet dieses mächtige Buch: Zeitungsausschnitte, Websites, E-Mail-Verkehr, Krankenakten, Notizen und Fragmente. Vor allem beim Erzähler lassen sich deutliche Anleihen der Hard-Boiled-Krimis à la Sam Spade erkennen. Dazu kommen die Kolportage-Elemente der Nouvelle Vague.

Herausgekommen ist dabei ein spannender Thriller, der zugleich eine Geschichte über Vater-Tochter-Beziehungen ist, über Kunst und Film und Magie und die Abgründe des Lebens. Der Wahnsinn lauert nicht nur für die Protagonisten hinter jeder Ecke.

Gisela Stummer (academicworld.net)

Marisha Pessl. Die amerikanische Nacht
22,99 Euro. S. Fischer Verlag 

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