Wagner, Wahnsinn, Weltuntergang

In seinem neuen Film „Melancholia“ zeigt Regisseur Lars von Trier, dass nicht nur jedem Anfang, sondern auch jedem Ende ein gewisser Zauber innewohnen kann. Seit 3. Mai gibt es den poetischen Weltuntergangs-Film auf DVD und Blu-ray.

„Genießt es, solange es dauert.“

Damit meint Gaby (Charlotte Rampling), die Filmmutter von Justine (Kirsten Dunst) und Claire (Charlotte Gainsbourg), zwar die Ehe, es lässt sich im Kontext des Films aber durchaus auch auf das Leben an sich münzen, denn, wie Justine sagt: „Leben gibt es nur auf der Erde. Und das nicht mehr lange.“ Die Hochzeit von Justine und Michael (Alexander Skarsgård)steht aber auch wahrhaft unter keinem guten Stern – im übertragenen wie wörtlichen Sinne. Anfangs scheint noch alles gut zu sein. Die beiden gehen liebevoll miteinander um, sind sich nahe, lachen. Umso merkwürdiger, wenn Justines Schwester Claire zu dieser sagt, sie solle bloß keine Szene machen, sich zusammenreißen.

Zwischen verplant trunkenem Vater (John Hurt) und verbitterter Mutter läuft das opulente Fest langsam aber sicher aus dem Ruder. „Du solltest verdammt noch mal glücklich sein!“ Solche Vorwürfe muss die junge Braut sich anhören. Schließlich ist sie erfolgreiche Artdirectorin in einer Werbeagentur und heiratet einen ebensolchen Kerl, der zudem noch gut aussieht und ihr sehr zugetan ist. Doch schon auf dem Weg zur Feier hat sie einen unheilvollen orangen Stern am Himmel erblickt. Der Planet Melancholia – wie sich herausstellen wird – hatte sich bisher hinter der Sonne versteckt gehalten und steuert nun direkt auf die Erde zu. Auch in Justine steigt etwas an die Oberfläche, was sich bisher verborgen hielt. In seltsamer Symbiose zum Planeten wird sie zunächst von einer immer stärker werdenden Melancholie erfasst, um schließlich in eine Depression überzugehen, die sich gewaschen hat.

Zusammenbruch in zwei Kapiteln

Michael versucht bei seiner Frischangetrauten zu sein, ihr nahe zu kommen, doch er kann sie nicht halten, ihren seelischen Totalabsturz nicht auffangen. Sie entgleitet ihm und er wird nicht damit fertig, verlässt sie noch in der Hochzeitsnacht. Sie lässt ihn in Unterhosen im Schlafzimmer zurück und stürzt sich auf dem Golfplatz auf einen Fremden. Danach schmeißt sie auch noch ihren Job.

Nachdem sie also ihr gesamtes Leben über den Haufen geworfen hat und zusammenbricht, nimmt Claire sie in ihr Haus auf – nicht unbedingt zur Freude ihres Mannes John (Kiefer Sutherland). Wie das erste Kapitel den Zusammenbruch Justines erzählt, so schildert das zweite den von Claire. Die zunächst noch nicht begründete Panik vor dem Planeten Melancholie verschärft sich immer mehr. Zunehmend handelt sie irrational.

Beängstigendes Wechselspiel zwischen Anziehung und Abstoßung

Die Seelenzustände Justines spiegeln sich in dem geheimnisvollen Planeten Melancholia wieder. Wie die Welt, so ist im Grunde auch sie nicht zu retten. Das ist von Anfang an klar. Die ersten etwa acht Minuten des Films bestehen aus kunstvoll inszenierten Tableaus, Standbildern, die später in bewegter Form wieder auftauchen oder auch nicht, zu Musik aus Wagners Tristan. Die ist für wagnersche Verhältnisse gar nicht einmal so melodramatisch, sondern fast schon romantisch und bildet zusammen mit den berauschenden Bildern einen fundamentalen Kontrast zu dem, was in diesen Erzählt wird: das Ende dieser Welt. Hätte Michael Bay den Film gemacht würden dabei Explosionen die Hauptrolle spielen, bei Lars von Trier sind es die Emotionen. Wie die Erde, so zerfällt auch der Gemütszustand von Claire in seine Bestandteile. Justine, die depressive Zumutung von Schwester dagegen, wird im Angesicht der Katastrophe regelrecht pragmatisch und vernünftig. Die Verhältnisse kehren sich ins Gegenteil. Und weil nun beide Seiten einander besser verstehen können, wirkt der finale Knall fast versöhnlich. Dazwischen ein Beängstigendes Wechselspiel zwischen Anziehung und Abstoßung – bei Menschen wie Planeten.

Regisseur Lars von Trier meint: „Von all meinen Filmen kommt dieser einem Happyend am nächsten, weil die Menschen am Ende zueinander finden.“ Einmal mehr gelingt es dem genialen wie größenwahnsinnigen Regisseur die Zuschauer und Kritiker gleichermaßen in seinen Bann zu schlagen. Einen Film, der so intensiv und eindringlich die Abgründe von Mensch und Planet vereint hat es wohl selten gegeben. Nach dem „Ende“ muss man als Zuschauer erst einmal tief durchatmen. Die Bilder wird man damit aber noch  nicht los. Die brennen sich erst einmal ein.

Gisela Stummer (academicworld.net)

Melancholia

Regie: Lars von Trier
Darsteller: Kirsten Dunst, Charlotte Gainsbourg, Kiefer Sutherland, Charlotte Rampling, John Hurt, Alexander Skarsgård

Im Verleih von Concorde

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