Vorsicht vor alternden Schauspielerinnen!

Das 260 Seiten schmale „London Boulevard“ von Ken Bruen lässt sich recht knapp zusammenfassen: hart, brutal, lakonisch. Gangster Mitch, frisch aus dem Gefängnis entlassen, findet sich bald in einem neuen Gefängnis wieder, als seine Arbeitgeberin, die alternde Diva Lillian Palmer, an ihm Gefallen findet.

Ken Bruen "London Boulevard"

Alte Freunde und neue Gefahren

Eigentlich, da ist sich Mitch, der Antiheld aus Ken Bruens „London Boulevard“, ganz sicher, sollte alles anders werden nach drei Jahren im Knast. Vorsicht vor dem Alkohol – der macht dich hemmungslos und gewalttätig; Achtung bei alten Freunden aus zwielichtigen Milieus und sich besser um die kümmern, die ihn brauchen. Etwa seine Schwester Briony, die mit dem Tod ihres Mannes nicht fertig wird und gerne ‘mal was mitgehen lässt. Oder der Obdachlose Joe, der immer an einer ganz bestimmten Ecke das Obdachlosen-Magazin verkauft. 

Doch schon am ersten Tag in Freiheit schlittert der Krimi-belesene Möchtegern-Ex-Gangster wieder in Richtung Bredouille. Betrinkt sich, wird gewalttätig und hat reichlich Kontakt mit dubiosen Gestalten. Trotzdem kommt der charmante Brutalo auch noch an diesem ersten Tag an einen neuen – legalen – Job. Er soll im Haushalt der ehemals berühmten Theatermimin Lilian Palmer – mittlerweile gealtert, aber noch immer ein heißer Feger – als Handwerker und Handlanger, im wahrsten Sinne des Wortes herhalten. Die heikle Dame ist zufrieden mit Mitch und engagiert ihn vom Fleck weg. 

Der schöne Schein

Obwohl sich also alles ganz gut anlässt, muss Mitch bald feststellen, dass man den alten Kreisen nicht so schnell entkommt. Die vom Kumpel vermittelte Wohnung gibt es nicht so ganz ohne Gegenleistungen und ehe er sich versieht, steckt er in einem Strudel aus Gewalt und Gefahr fest und Leichen pflastern seinen Weg. Da hilft es wenig, dass die neue Chefin ihn auch für „Arbeiten“ im Schlafzimmer engagiert. Vor allem ihr Assistent Jordan scheint nämlich auch beträchtlich Dreck am Stecken zu haben und so hilft auch der legale Job Mitch nicht wirklich sich von Ärger fern zu halten.

Ken Bruens Geschichte kann kein gutes Ende nehmen, das ist von Anfang an klar. Aber der Weg dorthin ist gepflastert mit Humor, harter, knackiger Sprache und Reminiszenzen an die Großen des Genres. Mitch ist eine durchaus dunkle Gestalt, aber den Weg in den Abgrund bestreitet er mit Humor und Krimizitaten – da muss einem doch auch der ärgste Gauner fast schon wieder sympathisch sein.

Gisela Stummer (academicworld.net)

Ken Bruen. London Boulevard. Kriminalroman
7,99 Euro. Suhrkamp

 

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