Von Spinnen und Spinnern

Gerade läuft mal wieder das Dschungelcamp und man kann beobachten, wie sich dort Menschen mit mehr oder weniger Intelligenz, mehr oder weniger Humor, größeren oder kleineren narzisstischen Persönlichkeitsanteilen, Bohnen und Kakerlaken teilen. Man kann süchtig werden nach dieser Sendung (als Psychologe sowieso – nie bekäme man so ein Gruppenexperiment zu Forschungszwecken genehmigt): Schadenfreude, Spekulationen über den weiteren Verlauf und lustvoller Ekel wird als Spannungsabfuhr des eigenen langweiligen Alltags mit langweiligen Kollegen und egoistischen Familienmitgliedern jeden Abend zur Psycho-Hygiene. Und natürlich würden wir uns alle viel besser verhalten, in so einer Situation…

Katharina Ohana, Psychologische Beraterin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

Für mich wird bei dieser Sendung immer wieder deutlich, dass der „gesunde Menschenverstand“ existiert – oder eben nicht. Es wird selten so sichtbar, was dieser Begriff meint, wie beim Dschungelcamp – besonders nachdem  am Ende der ersten Woche die Nerven der Teilnehmer so blank liegen, dass Eigen-PR und Selbstinszenierung meist völlig verschwunden sind: Die pure „Züche“ (ein Interner für alle Fans…) zeigt sich nun in ihrer „allzumenschlichen“ Art, mit ihren grundsätzlichen Emotionen und Konflikten in Gruppen: Neid, Wut, Kränkungen. 

Die Teilnehmer finden sich schnell als Verbündete und Gegner zusammen, bauen hinter diesen Fronten hierarchische Strukturen auf, die es immer wieder zu verteidigen und beweisen gilt. Die beste Plattform hat dort im Dschungel, wer auch sonst in seiner Rolle in den Medien auf Humor und hintersinnige Gesellschaftskritik setzt, mit der dazugehörigen Selbstironie natürlich (in dieser Staffel hat der Travestie-Künstler `Olivia´ die stabile, stabilisierende und objektivierende Position inne.)

Sehenswert ist daneben die narzisstische Zicke, die für sich eine ständige Extrawurst in Anspruch nimmt und gerade, weil sie nun endlich mal an ihre Grenzen stößt, die Schadenfreude der Nation auf sich zieht: Wer wollte noch nie einem „Arschlochkind“, der verwohnten Büroprinzessin mal einen Eimer Würmer ins Gesicht schütten, um sie hinterher für ihr Versagen auch noch runter zu machen. (Natürlich braucht diese Zicke, mit der größten narzisstischen Störung, noch ein paar andere Zicken, die das Ganze noch anheizen und sie als funkelnden Haupt-Diamanten im Psycho-Collier hervorheben.)

Daneben gibt es dann eigentlich nur noch ein paar Angeber und den ein oder anderen Grenz-Debilen. Und fertig ist der zeitgenössische Gesellschaftsspiegel: Alle nehmen sich furchtbar wichtig und nur die selbstironische „Mutti der Nation“ weiß das wenigstens (für diese Rolle taugen alle, die erheiterndes Kopfschütteln zum Beruf gemacht haben).

So bleibt die Frage: Wer wären wir in diesem Spiel? Oder vielmehr: Wer sind wir in diesem Spiel? Und wie weit kommt man mit welcher Strategie? Wer eine schnelle Antwort für sich bereit hat, sollte vorher mindestens seine Phobien checken. Also ich hab Spinne …

Von Katharina Ohana, Psychologische Beraterin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

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