Von Liebe, Sex und Gewalt: Themen in Cervantes Meistererzählungen

„Beispielhafte Novellen habe ich in mein Buch genannt, und wenn du recht hinsiehst, so wirst du keine Novelle finden, aus der sich nicht irgendeine nützliche Lehre ziehen ließe …“ Miguel de Cervantes Saavedra

Buchcover zu Cervantes „Meistererzählungen“

In der Tat beschäftigt sich der berühmte spanische Autor Miguel de Cervantes Saavedra (1547-1616) in seiner Novellensammlung mit Themen, die bis in unsere heutige Zeit aktuell sind und die Gesellschaft immer noch stark bewegen. Die Rede ist von Liebe, Sexualität und Gewalt, aber gleichzeitig auch von der Sehnsucht nach Freiheit und der Suche nach der eigenen Herkunft.

So beschreibt er in „Die kleine Zigeunerin“ die Geschichte einer jungen und wunderschönen Tänzerin des fahrenden Volks, die mit vielen Tugenden reich ausgestattet ist. Klug wie sie ist, will sie sich nicht dem Erstbesten versprechen und stellt ihren Freier daher für zwei Jahre auf die Probe. Am Ende findet sie nicht nur in der Liebe ihr großes Glück, sondern stellt auch fest, dass sie eigentlich aus einer ganz anderen, reichen und angesehenen Familie stammt.

Dieses Motiv des entführten oder verlorengegangenen Kindes, das aufgrund vieler Zufälle und Verwechselungen am Ende glücklich zu seiner Familie zurückfindet, zieht sich durch zahlreiche Novellen von Cervantes. Dabei spielt es eine große Rolle, dass der Verschwundene, der sich stets durch größte Tugenden und Schönheit auszeichnet, meist aus einer adligen, reichen Familie stammt, von seiner eigenen Herkunft allerdings häufig gar nichts weiß. Die Rückkehr zu seiner Ursprungsfamilie am Ende beschert ihm, neben der neugewonnenen Identität, vor allem auch ökonomische Sicherheit und garantiert damit ein ehrenvolles und sorgloses Leben.

Ähnlich ergeht es auch der vornehmen und wunderschönen, aber äußert sittsamen Küchenmagd, um deren Gunst alle jungen Männern der Umgebung buhlen. Erst am Ende stellt sich heraus, dass sie als Baby von einer adligen Dame in die Obhut eines Wirtspaares gegeben wurde. Auch sie kehrt am Ende zu ihrer wahren Familie zurück und findet dann gleichzeitig auch noch ihren zukünftigen Ehemann, der, wie der Zufall so will, der Freund ihres Bruders ist.

Vom Verlust und Wiedererlangen der Ehre
Ein weiteres Thema, das der Schriftsteller häufig in seinen Novellen aufgreift, ist das der Vergewaltigung und der verlorenen weiblichen Ehre, die nur durch die Reue des Vergewaltigers und die anschließende Eheschließung wiedergewonnen werden kann.

Besonders eindrucksvoll schildert Cervantes dies in der Novelle „Die Macht des Blutes“, in der die junge Leocadia von dem ungestümen Rodolfo entführt und vergewaltigt wird. Das Mädchen gebärt infolgedessen Monate später einen Sohn, der später wiederum durch einen Zufall von Rodolfos Vater gerettet wird. Am Ende der Geschichte ehelicht der reumütige Vergewaltiger Rodlofo sein ehemaliges Opfer Leocadia, die daraufhin all ihre Reinheit und Ehre wiedererlangt und mit ihrem Ehemann noch viele weitere Kinder bekommt.

Auch die Bildsprache greift das Thema der Vergewaltigung symbolisch immer wieder auf. In „Der eifersüchtige Extremadurer“ versucht ein Ehemann seine wesentlich jüngere Frau vor den Augen möglicher Nebenbuhler zu verstecken und mauert sie regelrecht ein. Doch der junge Loaysa, der von der jungen Schönen aus Erzählungen gehört hat, versucht mit allen Mitteln, in die Festung einzudringen und sie zu verführen. Dieses Eindringen kann symbolisch auch als sexueller Akt gelesen werden. Am Ende gelingt es Loaysa trotz aller Abwehrbemühungen des Ehemannes, zu dem Mädchen zu kommen, woraufhin der eifersüchtige Hausherr einem Herzinfarkt erliegt. Vorher bekennt er sich allerdings noch zu dem Unrecht, eine so junge Frau für sich beansprucht und eingesperrt zu haben und gibt dem jungen Paar seinen Segen.

Veraltete und moderne Ansichten
Wenn man anspruchsvolle Literatur aus dem 16. Jahrhundert mag und sich auf die altertümliche Sprache und den Wortwitz einlassen kann, dann sind Cervantes Erzählungen zum größten Teil sehr lustig und sogar spannend zu lesen. Nicht umsonst gehören die Werke des Schriftstellers zur Weltliteratur. Natürlich entsprechen die damaligen Ehrvorstellung nur sehr wenig denen einer modernen Gesellschaft von heute. Wer empfindet es schon als rechtens, wenn die Frau durch eine Vergewaltigung ihre Ehre verliert und diese nur dann wiedererlangen kann, wenn sie ihren Peiniger auch noch heiratet? Aber das sind eben Ansichten, die in eine andere Zeit gehören.

Trotzdem bietet Cervantes mit Themen wie der Liebe eines Paares, der Liebe zu Kindern und zur Familie und der Sehnsucht nach Freiheit Aspekte, die sich zum großen Teil auch mit unseren heutigen Ansichten decken.

Wer am Ende mehr über den Dichter und seine Zeit erfahren möchte, liest am besten das interessante Nachwort von Fritz R. Fries, der dem Leser hier einen guten Einblick verschafft.

Fazit: Auf jeden Fall ein Muss für anspruchsvolle Literaturbegeisterte, die nicht immer nur die leichte Lektüre als Zeitvertreib bevorzugen.

(MTS, academicworld userin)

Miguel de Cervantes Saavedra. Meistererzählungen.

13,90 Euro. Diogenes.


Stand: Oktober 2011

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