Von Frauen und Männern

Und warum machen nun Frauen seltener Karriere als Männer?

Ohana: Neben den genannten Gründen gibt es natürlich auch viele Frauen, die jenseits der Kinderfrage ihren hart erkämpften und gutdotierten Job an den Nagel hängen. Sie stellen sich die Sinnfrage und irgendwann ist das Arbeitsleben des modernen Karrieremenschen mit 16-Stunden-Tagen, Ellenbogenverhalten, Intrigen und immer weiter steigendem Leistungsdruck in einer Firma, die umgekehrt oft genug wenig Loyalität zeigt, nicht mehr „genug“. Liest man die steigenden Zahlen von Burnout und Mobbingfällen, deren Dunkel ziffer wahrscheinlich noch erschreckender ist als die offiziellen Statistiken, kann man nur hoffen, im Sinne der Menschlichkeit und des Allgemeinwohls, dass die Männer den Frauen hier ebenfalls folgen werden und somit der Druck der Arbeitgeber im Zuge des immer lauter heraufbeschworenen Fachkräftemangels größer wird. Würdevollere Umgangsformen und Verhältnisse in Führungsetagen sollten zum Selbstverständnis werden. Zunehmend scheint die Wirtschaft ja zu realisieren, dass neben den Gehältern flexible Arbeitszeiten, Teilzeitstellen, Kinderbetreuung oder Homeoffice enorme Anreize für die vielgesuchten guten Leute sind. Und je größer der Druck auf die Firmen wird – sei es nun durch Frauenquoten, die sie hoffentlich endlich gesetzlich erfüllen müssen oder durch Mitarbeiter beiderlei Geschlechts – die diese Verhältnisse nicht mehr mittragen wollen, umso besser. Wie bisher kann es nicht weitergehen.

Eschle: Ich denke, es fängt schon mit der Studienwahl an. Männer wählen ihr Studium stärker unter dem Aspekt aus, was ihnen später auch wirtschaftliche Perspektiven bringt. Klar, sie haben ja auch nicht die Aussicht, dass mal eine erfolgreichere Frau sie versorgen wird. Frauen dagegen studieren mehr nach Neigung, vielleicht auch, weil in den Elternhäusern der Beruf der Mutter oft als weniger wichtig angesehen worden ist und dieses Vorbild dann die eigene Entscheidung beeinflusst. Durch diese Studienwahl hat man viele Geisteswissenschaftlerinnen, aber beispielsweise wenige Ingenieurinnen. Die Karrierechancen sind also durch den Abschluss schon mal deutlich schlechter. Zudem sind temporäre Beschäftigtenverhältnisse, um das Passende für sich zu finden, sicherlich bei Frauen verbreiteter. Dies liegt an den unterschiedlichen Anforderungen an den Job: Die Frau braucht in der Regel vor allem eine harmonische Umgebung und eine sinnstiftende Aufgabe, die ihr Spaß macht. Der Mann freut sich darüber natürlich auch, allerdings haben Verdienst und Aufstiegschancen eine größere Bedeutung für ihn. Verdienst und Aufstiegsmöglichkeiten lassen sich leichter herstellen als die Komfortzone, die Frauen sich im Beruf wünschen.

Ihr abschließender Rat beim Thema „Partnerschaft und Karriere“?

Ohana: Letztlich wird es darum gehen, würdevollere Arbeitsbedingungen für Alle zu schaffen – und da sind eindeutig die Männer gefordert, die heute nun mal in der Mehrheit an den Hebeln der Macht sind. Wenn man die vielbeschworenen weiblicheren Umgangsformen und Verhaltensweisen in den Chefetagen braucht, dann wird es dringend Zeit, dass sich die Männer dazu bekennen, dass sie diese genauso haben wollen und genauso unter perfiden Machtspielchen und rücksichtsloser Ausbeutung leiden. Ein wenig hat sich diesbezüglich ja auch schon getan und möglicherweise können wir Frauen uns von diesen Erfolgen ein bisschen zurechnen: Vielleicht haben ein paar schöne Frauen – von Männern ungerechterweise bevorzugt – die Mission der Gleichberechtigung, der Anerkennung weiblicher Intelligenz und Schaffenskraft im Sinne aller Frauen durchgesetzt und somit schon ein Stück weit für bessere und ästhetischere Arbeitsbedingungen für beide Geschlechter gesorgt. 

Eschle: Ich wünsche mir, dass Frauen sich bei den Veränderungen der Geschlechterrollen nicht nur die Rosinen rauspicken. Völlige Gleichberechtigung zu fordern und dabei gleichzeitig die Verantwortung nicht in gleichem Umfang übernehmen zu wollen – das steht den Frauen heute noch zu oft im Weg! Ich beobachte gerade im Freundeskreis viele junge Familien, bei denen die Frauen klare materielle Erwartungshaltungen an den Mann kommunizieren, aber kaum bereit sind, sich selbst ausreichend einzubringen. Der Ehemann soll am besten in unbezahlter Elternzeit für die Kinder da sein und gleichzeitig einen bombigen Verdienst nach Hause schleppen, welcher der Frau schließlich ermöglichen muss, endlich ihre Leidenschaften wie „ein Kinderbuch schreiben“ ausleben zu können. 

Die Teilnehmer des Streitgespräches über Frauen und Männer sind beide Blogger auf academicworld.net.

Katharina Ohana moderiert als Psychologin und Philosophin verschiedene Fernsehsendungen. Ihr neues Buch „Gestatten: Ich – Die Entdeckung des Selbstbewusstseins“ erklärt die Entstehung unserer Persönlichkeit und unserer Probleme – und wie wir sie loswerden können. Auf academicworld.net nimmt sich sich allen Themen an, die Seele und Geist berühren.

Eduard Eschle ist IT-Berater und passionierter Fußballfreund. Auf academicworld.net schreibt der Fan des FC Aberdeen über alles, was beim Thema Fußball brisant und aktuell ist.

academicworld.net sucht übrigens weitere Blogger, Experten und Autoren, die über ihre Leidenschaft schreiben.


Stand: Juni 2012

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