Von Dürer und Billy

Am Freitagmorgen war ich in der Dürer-Ausstellung im Frankfurter Städel. Das Museum macht um 10 Uhr auf. Um 11 Uhr stauten sich bereits verschiedene Gruppen vor den Bildern und Graphiken: Rentner, Kunstgeschichte-Mutties und Schulklassen. Kunst ist hip, Dürer ist hip und damit ist beides Mainstream – und ein Widerspruch in sich. Denn Dürer ist gerade deshalb einer der herausragenden Künstler, weil er eben zu seiner Zeit nicht Mainstream war: Bei keinem anderen Künstler seiner Zeit im heiligen römischen Reich deutscher Nation kann man den Umbruch der Werte- und Gesellschaftsordnung so deutlich nachvollziehen, wie bei Dürer.

Von Katharina Ohana, Psychologische Beraterin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

 

 

Katharina Ohana, Psychologische Beraterin

Die Menschen um 1500 befanden sich in einer ähnlichen Situation wie wir heute: Etwas völlig Neues begann und keiner wusste so genau, wo es hin ging. Das Bürgertum gewann an Macht, reiche Kaufleute mischten zunehmend in der Politik mit, finanzierten Kriege und Universitäten; die beginnende Aufklärung und Wissenschaft löste die Wahrheiten der Kirche ab. Könige und Adel, bisher durch den katholischen Gott in ihrer Macht begründet, wurden zunehmend in Frage gestellt. Seit Luther und der Reformation konnte man Gott in sich selbst finden und die Bibel auf Deutsch hören: Die Pfaffen wurden als Mittler zum ewigen Heil nicht mehr gebraucht. Der verschwenderische Lebensstil der hohen geistlichen Würdenträger hat das ganze System in Frage gestellt. Auch wenn König, Adel und Gott erst mit dem ersten Weltkrieg endgültig von der Bildfläche verschwanden (siehe Blog von letzter Woche), so begann ihr deutlich sichtbarer Abstieg ca. um 1500.

Auf den Bildern Dürers und seiner Zeit finden sich erste stolze Individuen: Bürger, die zwar zum Teil noch versuchen, sich mit Jesus, Maria und anderen Heiligen im gängigen Wertekanon der Zeit selbst zu erheben, doch ihre Gesichter und Körper gehören schon echten, einzigartigen Menschen. Damals begann, was bis heute unser Leben bestimmt: Die Macht des Diesseits, die Macht des Kapitals (der Neo-Kapitalismus ist bis heute in der lutherischen Weltsicht begründet, dass wirtschaftlicher Erfolg ein Zeichen Gottes ist, so wie es vormals die Geburt mit blauem Blut war), die Macht der Informationsverbreitung (in Buch- und Bilddruck), die Macht der Intelligenz und Bildung (die mit der Technik und Medizin die Wirtschaft und Bildungsstätten befeuert, das Humankapital für ihre Zwecke erschließt). Man kann es sehen in den Bildern von Dürer – sofern nicht Massen von Opfern dieser auf den Bildern gezeigten Wende davor stehen. 

Warum denke ich, dass diese Massen an Museumsbesuchern Opfer sind (noch dazu, wo ich mich selbst ja unter ihnen befinde)? Vor 20 Jahren, als ich Kunstgeschichte studierte, gab es diese Massen so noch nicht (höchstens in den letzten Tagen solcher berühmter, großer Ausstellungen – aber sicher nicht an einem Freitagmorgen um 11 Uhr in der Weihnachtszeit). Was suchen diese Menschen bei Dürer? Ich würde mal behaupten: Lebenssinn, Tiefe, etwas, das sie gefühlsmäßig satt macht. Die Kunst scheint das zu versprechen, jedenfalls ihre großen Namen. Maler, von denen man schon gehört hat, Bilder, die man schon x Mal in der Reproduktion gesehen hat (von Dürer die Frau Tucher auf dem 20 Mark-Schein, die betenden Händen auf jeder 2. Sterbe- oder Weihnachtskarte oder der sitzende Hase auf jeder 3. Osterkarte älterer Tanten). Die Motive in Echt vermitteln Erhabenheit: Ich stehe jetzt vor dem Original, es färbt in seiner Bedeutung für die Menschheit hoffentlich auf mich ab, ich bin für Sekunden verbunden mit der Hochkultur. Jedenfalls vermute ich diese Gefühle hinter den häufig gehörten Sätzen vorbeigehender Besucher: „Der Dürer konnte schon schön malen.“ Oder: „Gerda, jetzt weiß ich, wo ich das schon mal gesehen habe.“ Oder: „Cool ey, das ist sicher voll was wert.“

Was ist passiert seit 1500? Die Menschen wurden nicht mehr durch ihre Geburt (Ort, Gesellschaftsschicht, Geschlecht) in ihrem Lebensweg vollkommen bestimmt: Auch Dürer konnte nur Dürer werden, weil er der Sohn eines Goldschmiedes war und damit der Kunsthandwerkszunft angehörte und zum selben Stand auch die Malerei der Zeit gehörte. Doch Dürers besonderes Talent konnte sich immerhin schon in ihm als Individuum und bekannter Persönlichkeit entfalten und verbreiten. Das wäre 100 Jahre vorher noch nicht möglich gewesen.  Doch was wird aus all den Menschen, die nicht über ein solches spezielles außergewöhnliches Talent verfügen? Sie werden in Massen zuerst durch die Schule geschleust (und besuchen ab und zu ein Museum, weil das zum Bildungsbürgerauftrag dazu gehört), bekommen dann selbst Kinder und/oder arbeiten (und besuchen ab und zu ein Museum, um zu zeigen, dass sie jenseits von Arbeit, Fernsehen und Kindern noch irgendwelches Interesse aufbringen) und werden schließlich Rentner (und besuchen häufiger Museen, um etwas gegen die Langeweile zu tun, den Bildungsstatus für sich zu etablieren und beim nächsten Kaffeeklatsch was erzählen zu können, z.B.: „Der Dürer konnte schon schön malen. Und die hatten da sogar Bilder aus Washington und Italien…“).  

Ich habe an der Uni damals ein Seminar in Sterbebegleitung gemacht (bei den Psychologen, nicht bei den Kunstgeschichtlern …). Am Ende des Lebens, den Tod vor Augen, kommt es darauf an, sein Leben als gut und gelungen und sinnvoll zu empfinden. Dann kann man loslassen und das unvermeidliche annehmen: Der eigene Narzissmus bekommt das Gefühl, genug Entfaltung gefunden zu haben, wichtig und gut genug gelebt zu haben. Zunehmend fragen sich die Menschen aber schon vorher, was das alles soll. Sie schwimmen in der Werte- und Gesellschaftsordnung mit, die seit Dürer immer tiefer in unsere Leben eingedrungen ist, sie aushöhlt und Menschen (wie hier schon häufiger erwähnt) zur reinen Bioenergie des globalen neokapitalistischen Weltsystems werden lässt. Sie suchen Orientierung. In armen Ländern ist es immer noch der Wohlstand, von dem man oft noch weit entfernt ist, der aber im West-Fernsehen als glücksbringende Möglichkeit gezeigt wird. In reichen Ländern rennen sie in Massen ins Museum, weil das etwas „Gutes“ verspricht, allemal Bildungsstatus, vielleicht ein paar anregende Gedanken in der alltäglichen Hetze oder Leere oder leeren Hetze durchs Leben. 

Was macht ein authentisches Individuum aus? Was macht ein sinnvolles Leben aus? Diese Fragen zu beantworten (die mir von meinen Lesern häufiger nach solchen Themen-Blogs gestellt werden), würde der Frage selbst schon widersprechen: Fremde Antworten für die Massen sind eben keine Antworten für das wirklich suchende Individuum; nichts ist so schwer anzuleiten wie Authentizität. Ich kann nur sagen, was sicher keine Rettung bringt: Ein Besuch im Museum, ohne zu begreifen, worum es bei Dürer geht, oder weil man hofft, vom berühmten Original etwas Lebensfülle zu bekommen, dem eigenen Massenstatus zu entgehen. Wir alle werden zum großen Teil von der Kultur unserer Zeit geprägt. Doch wir können uns Nischen schaffen. Es gibt gute Bücher über Dürer und die Zeit der Renaissance. Man kann sie sogar bei Amazon bestellen. Man muss sie dann nur noch mit wirklichem Interesse lesen. Denn das ist wohl das Geheimnis des Authentischen: Das wirkliche Interesse, von Aufwand und tiefer Detailversessenheit bestimmt, den Überblick nie außer Acht lassend, aber mit der Genauigkeit des Wirklich-Wissen-Wollens an ganz ungewöhnlichen Stellen, das Sich-Vertiefen in ein, zwei seltsame Details unserer Lebenswelt. Das können Dürers betende Hände sein (die den ganzen Widerspruch seiner Zeit beinhalten, in der religiösen Geste ihrer realen, menschlichen, diesseitigen Fleischlichkeit). Es kann aber auch das Wissen-Wollen sein, warum sich bürgerliche Menschen diesen Druck tausendfach über die Anrichte ins Wohlstandwohnzimmer hängten, wo ihre Kinder heute das Ikea-Regal Billy stehen haben. Etwas wissen wollen, dessen Antwort man nicht leicht konsumieren kann -das wäre immerhin ein Tipp für den Ausweg.

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