Von der Psyche der Psychoanalyse

Man nehme ein erfolgreiches, anspruchsvolles Bühnenstück, einen hochgelobten Regisseur und eine Hand voll engagierter Schauspieler und herauskommt ein sicherer Oscarkandidat? So einfach wird es für „Eine dunkle Begierde“ von David Cronenberg wohl nicht werden. Kinostart ist der 10. November.

Die Geburtsstunde der Psychoanalyse
Einen Film über die Psyche, aber keinen Psychothriller hat Cronenberg da vorgelegt. Im Vorfeld hoch gelobt war der Anklang bei den ersten Festivalvorführungen dann allerdings verhalten. Erstaunlich unterhaltsam und bisweilen sogar lustig zeigt sich dieses erotische Drama. Der schlagfertige Wortwitz, vor allem in den Gesprächen zwischen Jung und Freud sorgt für beträchtliche Erheiterung. Das Drehbuch, das Christopher Hampton nach seinem eigenen Theaterstück verfasst hat, spürt der schwierigen Beziehung zwischen Sigmund Freud (Viggo Mortensen) und C. G. Jung (Michael Fassbender) nach.

Eigentlich wollten ihre Eltern Sabina Spielrein (Keira Knightley) in die Obhut von Freud geben. Sie landet allerdings im in der Burghölzli Klinik in Zürich, wo der junge Psychiater Jung sie als perfekte erste Patientin sieht, um sich an Freuds Methode der Psychoanalyse zu versuchen. Um sich über den Fall auszutauschen beginnt er einen regen Briefwechsel mit Freud in Wien. Die gebildete Sabina, die selbst Ärztin werden will, schlägt Jung bald in ihren Bann. So wie die intellektuelle Anspannung und Anziehung zwischen Freud und Jung sich schnell steigert, tut es auch die sexuelle zwischen Jung und Spielrein.

Besonders am Anfang ist Sabina Spielrein (Keira Knightley) reichlich hysterisch. © Universal Pictures Germany

Exaltiertes Kostümdrama
David Cronenberg, sonst ja für die gewalttätigeren Schaueffekte berühmt, hält sich in diesem Kostümdrama fast schon zurück. Gewalt und Gewalttätigkeit wird, wie bei einem Film über die Vater der Psychoanalyse zu erwarten, mehr auf die psychische Ebene verlagert. Es geht um Macht, um Dominanz und Unterwerfung, um Absolutheitsansprüche und gedankliche Flexibilität.

Knightley freilich ist etwas zu bemüht, zu exaltiert, geht einem am Anfang fast schon – wie passend – ein wenig auf die Nerven. Im Verlauf des Filmes werden ihre Psychosen weniger; was dem Film und den Zuschauern gut tut. Schließlich ist es zum Großteil ihre Perspektive, die präsentiert wird.

Viggo Mortensen – ja ohnehin dafür bekannt, dass er seine Rollen lebt – findet sich in Siegmund Freud hinein; besorgte sich angeblich sogar die originale Zigarrenmarke. Wobei die Zigarre teilweise zum Problem wird: weil sie den Mundwinkel kaum verlässt ist Mortensen nicht immer so ganz gut zu verstehen.

Kammerspiel mit Wagneranklängen
Manchmal wirkt der Film fast kammerspielartig, weil die meisten Szenen Dialoge zwischen zwei Personen darstellen. Das soll per se kein Vorwurf sein – die guten Darsteller wissen sich auf diese Weise gekonnt zu inszenieren – doch merkt man an den Szenen, die mehr Akteure aufweisen, dass ein wenig mehr Dynamik dem Werk an mancher Stelle nicht geschadet hätte. Auch wenn die Dialoge, vor allem zwischen Freud und Jung, oft vor Witz nur so sprühen.

Der zurückhaltende, aber dennoch eingängige Soundtrack von Oscar-Preisträger Howard Shore tut sein übriges, eine stimmungsvolle Atmosphäre zu erzeugen. Es wird nicht nur über Wagner philosophiert und zueinander gefunden (Jung und Spielrein sind glühende Verehrer), Motive aus dem Werk finden auch in die musikalische Untermalung von „Eine dunkle Begierde“ Eingang.

Gisela Stummer (academicworld.net)


Filmplakat zu „Eine dunkle Begierde“ © Universal Pictures Germany

Eine dunkle Begierde

Regie: David Cronenberg
Darsteller: Viggo Mortensen, Michael Fassbender, Keira Knightley
Kinostart: 10. November 2011

Im Verleih von Universal Pictures Germany

 


Stand: Herbst 2011
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