Von der Hochschule ins „Vakuum“ und zurück

„Vakuum“, das Debüt des jungen Hamburger Zeichners Lukas Jüliger, ist eine düsterpoetische Coming-of-Age-Erzählung, die sich mit den Lebenswelten und Ängsten von Jugendlichen heutzutage beschäftigt. Im Interview erzählt er von der Entstehung seiner Graphic Novel und wie er seine Generation wahrnimmt.

„Vakuum ist in erster Linie eine Meditation über mich selbst“ © Tillmann Engel.

„Vakuum” ist deine erste längere Arbeit als Comickünstler. Wie lange zeichnest du schon Comics?

Ein paar meiner frühesten Erinnerungen haben mit Stiften zu tun. Viele alte Fotos belegen das, ich habe immer gezeichnet. In der Grundschule zeigte sich dann schon bald, dass ich auch Spaß am Schreiben hatte, was sich später als Liebe herausstellen sollte. Zeichnen und Schreiben waren also schon immer ein Weg, mich mitzuteilen und zu offenbaren. Der Ansatz, diese beiden Formen zu kombinieren und Comics oder Bilderzählungen zu schaffen, tat sich also recht früh auf.

Deine Geschichte wirkt sehr cineastisch, fast näher am Medium Film als am Medium Buch. Gibt es Filme, die dich zu deiner Arbeit, zu deiner Geschichte inspiriert haben?

Unterbewusst waren das vermutlich einige, mit denen ich bis dahin in meinem Leben in Berührung gekommen war. Aber konkret kann ich keinen Regisseur oder Film benennen, der mich genau zu dieser Geschichte inspiriert hat.

Wie empfindest du das Umfeld Comic/Graphiv Novel, wie die gesellschaftliche Reaktion darauf? Gibt es immer noch dieses gewisse Naserümpfen, was das Thema „Bildergeschichten“ angeht?

Ich tauche da ja gerade erst ein bisschen ein. Soweit ich es aber mitkriege, sind Graphic Novels gerade „im Kommen“. 

Ich erwische mich selbst manchmal, wie ich die Nase rümpfe, wenn mein Buch als „Comic“ bezeichnet wird. Die Bezeichnung drängt sich natürlich auf, auch wenn sie eben nicht ganz zutrifft, sondern nochmal ein eigenes Genre beschreibt.
Ich finde, „Comic“ klingt automatisch relativ lustig und seicht. Und Bildergeschichten“ klingt nach Kinderbuch. Ob ein generelles Nasenrümpfen bei dem Wort stattfindet, weiss ich nicht genau, ich könnte es aber verstehen.

Lukas Jüliger studiert an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg. © Tillmann Engel.

Die Themen, die du in „Vakuum” ansprichst, sind zeitlos und sehr aktuell zugleich: Ausgrenzung und soziale Isolation, der Kampf gegen den eigenen Körper, Sinn- und Werteverlust in der globalisierten Welt… Wie würdest du die Generation, die du porträtierst, beschreiben?

„Vakuum” ist in erster Linie eine Meditation über mich selbst. Aber ich denke, egal, wie man es anstellt: Sobald man mit gleichaltrigen Menschen aufwächst, ist man Teil und eben auch Produkt einer Generation. Ob man sich von ihr abgrenzt oder sich gut mit und in ihr entfaltet oder eben irgendwas dazwischen, sind schon Reaktion und Interaktion. Deswegen hat meine Generation natürlich auch auszugsweise ihren Weg in meine Geschichte gefunden. Sie in ein paar Worten angemessen zu beschreiben erscheint mir unrealistisch.

Auf der einen Seite gibt es in ihr viele, in meinen Augen positive wie negative Extreme, zum anderen scheint mir, dass sie in ihrem Kern oder in ihrem Querschnitt durch eine noch nie da gewesene Angepasstheit und Konformität mit dem sie umgebenden System und dessen Normen und Werten gekennzeichnet ist. Gleichzeitig wirkt sie zerrissen: In einer Welt, in der alles möglich ist, scheint sie überfordert und orientierungslos umher zu taumeln, was schließlich in dieser hedonistischen Lebensart mündet. Eine Lebensart, die, denke ich, viele aufrichtig lieben und leben und zugleich verabscheuen. Ich irgendwie auch. Ich porträtiere diese Generation nicht, das war nicht meine Absicht, aber wenn ich ihr hier und jetzt ein Symbol zuordnen müsste, wäre es wohl so ein Smiley mit geradem Mund.

Die Vorstadt ist in „Vakuum” ein magisch-realistischer Ort, in dem Geister umher wandeln, apokalyptische Vorzeichen eine baldige Katastrophe ankündigen und ein geheimnisvoller „Nabel der Welt“ den Jugendlichen Kraft spendet und sie von sich abhängig macht. Dem alltäglichen Grauen der Adoleszenz wird ein abstrakter phantastischer Horror zur Seite gestellt. War es dir wichtig, das Alltägliche mit dem Übernatürlichen zu mischen?

Ich würde nicht unbedingt sagen, dass ich das getan habe. Bei genauerem Hinsehen unterstützen und entzaubern diese Elemente die Wirklichkeit mehr, als dass sie das Gegenteil tun. Manche von ihnen haben eher einen symbolischen Wert. Andere, zum Beispiel den Schatten einer nahenden Apokalypse, braucht es als eine Art Fundament oder Nährboden, auf dem die Charaktere die Entwicklung durchlaufen können, die für sie vorgesehen ist. Es sind also eher narrative Mittel als Stilmittel.

Du hast für „Vakuum” eine Auszeit von der HAW genommen und nach Erscheinen kehrst du wieder an die Hochschule zurück. Was planst du für die Zukunft?

Genau das, was ich durch die Arbeit an „Vakuum”, die etwas über zwei Jahre meines Lebens eingenommen hat, ein bisschen versäumt habe: Nicht planen, sondern loslassen und experimentieren.


„Vakuum” von Lukas Jüliger. 20 Euro, www.reprodukt.com

Lukas Jüliger, 1988 in einer deutschen Kleinstadt geboren, studiert Illustration an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg.

Die Coming-of-Age-Erzählung „Vakuum”, die Anfang 2013 erschien, ist sein Buchdebüt. Zuvor hatte er mit eindrücklichen Kurzcomics auf sich aufmerksam gemacht.

Nachdem er knapp zwei Jahre mit der Arbeit an seinem Debüt verbracht hat, stürzt sich Lukas Jüliger wieder in sein Studium, das er für „Vakuum” nach dem dritten Semester unterbrochen hat.

Mehr Informationen unter www.laluq.de

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