Von den Licht- und Schattenseiten des Lebens

Von einem Physiknobelpreisträger hat wohl jeder so eine ungefähre Vorstellung: Man denkt an einen älteren, distinguierten Herren, mit gutem Benehmen, strebsam, neugierig auf den Fortschritt des eigenen Fachgebietes, bereit sein Wissen mit den nachkommenden (Forscher-) Generationen zu teilen. All dies ist Michael Beard – Protagonist in Ian McEwans neuem Roman „Solar“ – nicht oder nur am Rande. Sein Thema ist zwar das Licht, aber er selbst ist alles andere als ein strahlender Held.

Rezension: Solar - das Hörbuch

Michael Beard scheint es geschafft zu haben. Aus eher kleinbürgerlichen Verhältnissen stammend, hat er es zum Physikstudium nach Oxford, zum Professor und schon in viel zu jungen Jahren zum Nobelpreisträger gebracht. Obwohl er ist gerade einmal Anfang 50 ist, lebt er schon seit Jahren nur noch von der eigenen Reputation. Er hält den immer gleichen Vortrag, wirbt um Fördergelder für ein politisches Prestigeprojekt; das Institut für Erneuerbare Energien, das ihm eigentlich völlig gleichgültig ist und tingelt von einer Frau zur nächsten.

Mittlerweile ist er bei Ehe Nummer fünf angelangt – doch auch während dieser bringt er es bereits auf elf Affären. So hat sich in seinem Alltag zwischen Frauenaufreißen und Leben vom alten Ruhm eine gewisse Routine breit gemacht, als das für ihn unfassbare passiert: seine Frau Patrice hat eine Affäre! Und das auch noch mit einem geistig eher minder bemittelten Handwerker.

Von dieser Tatsache völlig aus der Bahn geworfen und zudem von einem engagierten Jungspund an seinem Institut mit angeblich bahnbrechenden Ideen genervt, bricht er zu einer Reise in die Arktis auf. Diese Reise soll zum Wendepunkt seines Lebens werden. Durch ihre direkten und indirekten Auswirkungen wird er gezwungen, aus seinem Lebenstrott noch einmal auszubrechen. Basierend auf nur wenig noblem Handeln schwingt er sich auf zum großen Solarenergieverfechter, inszeniert ein gigantisches Projekt und schert sich nicht um die „Leichen“ über die er dazu gehen muss.

Die Kunst im richtigen Moment das Weite zu suchen

Aufgeteilt in drei große Abschnitte, angesiedelt in den Jahren 2000, 2005 und 2009 zeigt McEwan das wenig gute Streben eines Mannes, der sich nach außen hin gern als Retter der Menschheit verkauft. Das große Lebensmotto des Michael Beard aber zieht sich durch alle Teile: Wenn es ihm zu eng und zu nahe wird, dann macht er sich besser aus dem Staub.

Lang, aber niemals langweilig ist die Hörbuchversion von Ian McEwans neuem Buch „Solar“. Ganze neun CDs – genau 673 Minuten – lässt Burghart Klaußner einen nicht mehr los mit seiner eindringlichen Stimme, die er dem Nobelpreisträger und Weiberhelden Beard leiht. Wenngleich der Protagonist wirklich ein richtiger Unsympath ist – die Frage wie es mit ihm weitergeht, wie er sich aus jeder neuen Zwickmühle wieder zu befreien versteht, fesselt einen trotzdem gewaltig. Mit kraftvoller aber, passend zum Protagonisten, durchaus behäbiger Stimme verleiht Klaußner Beard ein enormes Eigenleben und eine starke Präsenz. Durch gezielte Wechsel im Sprechtempo und effektvolle Pausensetzung vermag er es,m die Ironie des Textes noch zusätzlich zu unterstreichen.

Mit großer erzählerischer Leichtigkeit schildert McEwan diese Geschichte über menschliche Schwächen und den Klimawandel, über die Feigheit des Einzelnen und die der Massen, über kleine und große Unehrlichkeiten und so vieles mehr. Ein Roman voller Witz und Tragik. Leichtfüßig und bitterernst zugleich. Eine Geschichte voller epischer Tragik und zugleich mit vielen Schmunzlern, die ein wenig den Glanz von der Wissenschaftselite nimmt. Vielleicht sollte man sich diese „Weltretter“ doch manchmal etwas genauer betrachten.

 

9 CDs / 673 Minuten

Diogenes (Oktober 2010)

34,90 Euro

 

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