Vom Glück des Untergangs: Heinrich von Kleist

Zu Lebzeiten galt er als gescheiterte Existenz, der Exsoldat, Exjournalist, Immer-mal-wieder Schriftsteller aus dem preußischen Landadel. In diesem Jahr wird sein 200. Todestag aber groß begangen. Die Literaturwissenschaft schätzt ihn mittlerweile ebenso wie viele Leser: Heinrich von Kleist. Das vielleicht atemberaubendste Buch über den deutschen Dichter.

Mittlerweile klassische Schullektüre: Heinrich von Kleist. aboutpixel.de / old school © Lucian Binder

Mit Freuden über den Abgrund
Als Heinrich von Kleist am 21. November 1811 zusammen mit Henriette Vogel freiwillig aus dem Leben scheidet betrachtet nicht nur er selbst sein Dasein als Gescheitert. Dennoch sieht er den Freitod als größtmöglichen Akt der Selbstbestimmtheit und so geht er diesen Weg voller Überzeugung, fast beglückt.

Überhaupt, diesen Eindruck erwecken sowohl sein Lebenslauf als auch Soboczynskis Buch, war er immer dann am glücklichsten, wenn die Lage am aussichtslosesten war. Diesem Widerspruch spürt der Autor nach, zeigt Strukturen in dieser unruhigen Biographie auf, erstellt ein kleines Psychogram – und das ohne sich in die Verkopftheit der Literaturwissenschaft zu verlieren:

„Die Welt war Kleist ein Krieg. Wer sie nicht umfasst halte wie ein Ringer, schrieb er in einem kurzen Prosatext, sie ‚tausendgliedrig, nach allen Windungen des Kampfes, nach allen Widerständen, Drücken, Ausweichungen und Reaktionen, empfindet und spürt: der wird, was er will, in keinem Gespräch durchsetzen; vielweniger in einer Schlacht.'“

Cover zum Buch

Lesegenuss mit Anspruch
Ein Sachbuch? Möglicherweise. Eine Biographie? Irgendwie schon. Komplett ernst gemeint? Auf keinen Fall. Glaubwürdig und seriös? Durchaus. Adam Soboczynski, Autor bei „Die Zeit“, schildert Leben, Leiden und Lieben von Kleist auf so unnachahmliche Weise, dass man die kurzen 96 Seiten am Liebsten in einem Rutsch durchlesen möchte. Auch wenn man Vieles, was Soboczynski anspricht schon mehr als einmal gehört oder gelesen hat: so unterhaltsam und sprachlich elegant wurden der Untergang und das Scheitern eines Menschen selten geschildert.

So radikal wie Kleist als Schriftsteller war, schneidert der Autor ihm dieses Porträt auf den Leib. Alles andere wäre diesem Mann, der seiner Zeit so weit voraus war, auch einfach nicht angemessen gewesen. Das schmale Bändchen macht Lust, sich den Klassiker der Zerrissenheit im Original vorzuknöpfen.

Gisela Stummer (academicworld.net)

Adam Soboczynski: Kleist. Vom Glück des Untergangs (96 S.)
Luchterhand Literaturverlag, 14,99 Euro


Stand: Herbst 2011

Share.