Vom Ego der Egoisten

In der Esoterik und der westlichen Lesweise des Buddhismus heißt es immer wieder: Das Ego muss aufgelöst werden. Das ist aus psychologischer und medizinischer Sicht vollkommener Blödsinn. Eine spirituelle Entwicklung kann niemals eine Persönlichkeitsentwicklung ersetzen. Sie kann sie höchstens begleiten, als ein Gefühl von „Eingebundensein in die Welt“, ein Gefühl des Urvertrauens.

Der kindliche Egoismus

Unsere große aktuelle Abneigung gegen das Ego ist vielmehr eine Abneigung gegen den Egoismus, genauer gegen einen infantilen Egoismus, der andere Menschen für eigene Bedürfnisse einspannt, ohne sie als eigenwertige andere Menschen wahrzunehmen. Wie ein Kind, das sich noch gar nicht fragen kann: „Wie geht es dem anderen mit meinem Verhalten?“, versucht man mit seinem infantilen egoistischen Anteilen (die mehr oder weniger die eigene Persönlichkeit bestimmen) die anderen Menschen den eigenen Sehnsüchten und Ängsten unterzuordnen. Die anderen werden also hauptsächlich nach ihrer Funktion für die eigene Befindlichkeit gesehen. Doch dieser kindliche Egoismus wird durch unsere westliche (Pseudo-) Spiritualität häufig mehr gefördert, als verarbeitet.

Es gibt heute unglaublich viele Menschen, die glauben mit Esoterik und/oder Astrologie den Weg der Persönlichkeitsentwicklung auf eine angenehme Art gehen zu können. („Ist ja ganz klar, dass die Beziehung schief lief, der hatte ja seinen Mond im Widder und Du im Fisch und da knallt es immer …“) Leider braucht es aber die Auseinandersetzung mit Leid und dem eigenen infantilen Bedürfnissen, um zu reifen („Nein, meine Liebe/mein Lieber: Du stellst unglaubliche Versorgungsansprüche, der Partner soll quasi schon spüren was Deine Bedürfnisse sind, symbiotisch mit Dir verschmelzen, wie die Mutter mit ihrem Kleinkind. Das kann niemand leisten und außerdem hast Du als Erwachsene auch kein Recht mehr darauf …“). Die Auseinandersetzung mit diesen schmerzhaften Altlasten der Psyche bleibt in der „modernen“ Spiritualität oft an der Oberfläche von „was tut mir gut“ und „was passt zu mir“ hängen, im Einwiegen in eine Hoffnung „alles wird gut“, statt sich wirklich den eigenen Konflikten, der eigenen Unreife zu stellen.

Der Hand zur Esoterik

Besonders Frauen sind ja dieser Form der Esoterik sehr zugetan. Und sie wird nicht selten wie eine Art „Zauberformel“ eingesetzt, um „den Richtigen“ zu finden ? der einen dann auf Händen trägt und Launen und Sehnsüchte rundumversorgt. Gute Psychotherapie hat damit sehr wenig zu tun. Dort wird dieses Bedürfnis nach Zuwendung und Aufgefangensein zwar erst einmal sehr ernst genommen, doch der Therapeut nimmt einem die Arbeit nicht ab, sondern konfrontiert einen mit den infantilen und immer wieder enttäuschten Erwartungen an die Welt. Er klebt nicht ein „Alles wird gut Pflaster“ auf die Wunden, sondern stochert so lange darin herum, bis der vereiterte Stachel raus ist und die Wunde wirklich heilen kann. Das ist unbequem. Denn es werden nicht einfach nur ein paar Tarot Karten gezogen und auf den nächsten tollen Partner gewartet ? bis man 70 ist …

Es tut mir Leid Mädels (und auch Jungs): Solange mit der Spiritualität nicht ein Erwachsenwerden einhergeht, hat sie etwas von einer beruhigenden Gutenachtgeschichte, die einen in süße Träume wiegt ? aus denen es dann immer ein schlechtes Erwachen gibt. Aber schade eigentlich, dass es nicht so einfach geht …

Von Katharina Ohana

Stand Juli 2012
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