Volksgemeinschaft

Bücher zum Nationalsozialismus gibt es ja einige und meistens ergehen sie sich darin, nur noch einmal das wiederzukauen, was im Buch davor stand, nämlich, wie schlecht, schlimm und böse die Zeit des Nationalsozialismus doch gewesen ist. Gut, das alles weiß man schon. Dennoch scheint das Interesse am Nationalsozialismus nicht abzureißen.

Auch ich muss aber zugeben: Ich gehöre leider zu den Leuten, die sich vom Übermaß an NS-Literatur, -Filmen usw. irgendwie gestört fühlen, aber dennoch immer noch ein wenig Interesse dafür verspüren.

Allerdings geht es mir eher um Folgendes: Endlich einmal Forschungsliteratur zum Nationalsozialismus zu finden, die die Bezeichnung auch verdient; die objektiv und sachlich (=wissenschaftlich) an die Sache herangeht und ggf. neue Sichtweisen aufzeigt. Bitte keine Polemik, das kenne ich alles schon. Unglücklicherweise scheint es vor allem der deutschen Forschung bei so einem Thema nicht leicht zu fallen, objektiv zu sein.

Neue Forschungen zum Nationalsozialismus

„Volksgemeinschaft“ sieht auf den ersten Blick gut aus. Ein dünnes, geschichtswissenschaftliches Bändchen (leider ein wenig teuer, aber das ist man von Fachliteratur ja gewöhnt) mit mehreren, kurzen Beiträgen zum Leben in der NS-Zeit. Viele bekannte Namen sind vertreten und sogar Wehling hat seine kleinen Auftritte.

Ziel des Büchleins ist es, den Begriff „Volksgemeinschaft“ im Nationalsozialismus zu untersuchen. Im Allgemeinen versteht man darunter ja ein großes Zusammengehörigkeitsgefühl in einem Volk, jedoch bedeutete es gleichzeitig, dass andere Personen, die nicht in die Volksgemeinschaft passten, daraus ausgeschlossen wurden. Juden wären da nur ein Beispiel.

In vielen, kurzen Beiträgen wird nun das Leben in der nationslsozialistischen „Volksgemeinschaft“ untersucht – angefangen bei diversen Organisationen, in denen man Mitglied werden konnte, bis hin zu sog. Mischehen und den Zutrittsregelungen in die Luftschutzbunker, die auch von der Zugehörigkeit oder eben Nicht-Zugehörigkeit zur Volksgemeinschaft abhängen konnte. Man untersucht aber auch, was den Begriff letztendlich so attraktiv machte, dass Parteien in der Weimarer Republik damit bereits ihr Programm aufzogen – und ob der Aufstieg der Nationalsozialisten nicht letztendlich auch dem Versprechen einer Volksgemeinschaft geschuldet sei.

Dünnes Buch, viel Inhalt

Wer nun den Eindruck hat, dass dieses Buch trotz der geringen Seitenanzahl eine unglaubliche Vielzahl an Themen erfasst, der liegt genau richtig. Ich war selbst überrascht, wie die Autoen es geschafft haben, so viele unterschiedliche Facetten des Themas zu beleuchten. Dazu kommt, dass dieses Büchlein auf jeden Fall informativ ist und vor allem auch eine Fundgrube für Studenten darstellen sollte, die sich mit dem Thema Nationalsozialismus beschäftigen müssen (schon allein wegen der seitenlangen Bibliographie am Ende lohnt es sich).

Aber auch so weiß der Inhalt des Buches, zu interessieren und überzeugt durch einen überwiegend objektiven Schreibstil, der i.d.R. sehr positiv auffällt (wirkt sehr seriös). Aber natürlich sollte man sich bewusst sein, dass dies ein rein wissenschaftliches Buch ist – es liest sich deshalb nicht wie ein Roman und wurde allgemein nicht sehr fetzig geschrieben. Ich persönlich habe zwar nichts anderes erwartet, aber das trotzdem als kleine Warnung.
Wer sich für die Geschichte des Nationalsozialismus interessiert, dem kann ich auf jeden Fall empfehlen, mal einen Blick ins Buch zu werfen – und jenen, die es fürs Studium brauchen, sowieso.

Erzsébet Báthory

Frank Bajohr, Michael Wildt (Hg.)

Volksgemeinschaft
236 Seiten
14,95 Euro

Fischer

Stand Dezember 2009
Share.