Vibrationen der Gefühle

Ein Schritt zu nahe, ein Lächeln zu intensiv, ein Flirt zu viel – schon hat sich etwas wie Liebe eingeschlichen. In der Komödie „Ein Augenblick Liebe“, ab 7.8. im Kino, werden die Möglichkeiten einer solch schicksalhaften Begegnung spielerisch verhandelt.

von Nathalie Mispagel, Kinoexpertin auf academicworld.net

 

 

Pierre (François Cluzet) ist seit 15 Jahren glücklich verheiratet und hat zwei Kinder. Eigentlich ist er mit seinem Leben sehr zufrieden. Bis er eines Abends auf einer Buchpremiere die erfolgreiche Schriftstellerin Elsa (Sophie Marceau) kennenlernt.

Die alte Geschichte

Elsa (Sophie Marceau) ist eine angesehene Schriftstellerin, hat drei Kinder und lebt in Scheidung. Pierre (François Cluzet) arbeitet als erfolgreicher Anwalt, ist glücklich verheiratet und hat zwei Kinder. Auf einer Buchmessen-Party begegnen sich die beiden und empfinden sofort Sympathie. Weitere Treffen, die sie jeweils dem Zufall überlassen, vertiefen die anfänglichen Gefühle. Sie beginnen sich zu fragen, was sie einander bedeuten und wie zukunftsweisend ihre Romanze ist. Als sie sich schließlich in London über den Weg laufen, müssen sie eine endgültige Entscheidung treffen: ’L’amour toujours’ oder ‚Au revoir et merci’.

Regisseurin und Drehbuchautorin Lisa Azuelos hat die alte ’boy meets girl’-Story in ein modernes Halb-Märchen aus der reichen, gehobenen Mittelklasse von Paris verwandelt. Ohne erzwungene moralische Botschaft oder Prinzipienreiterei, aber auch ohne nennenswerte Tiefgründigkeit. Keiner hat Probeme, außer den selbstgemachten. Alles ist Spaß, Spiel, Spontanität. Eine Welt da draußen existiert irgendwie schon, aber sie interessiert nur marginal. Die Kamera von Alain Duplantier jedenfalls hat sich auf Großaufnahmen eingeschossen, setzt ausschließlich Menschen in den Fokus oder erzählt auch mal in hübschen Schwarz-Weiß-Photos. Von gutgelaunten Personen natürlich.


Die neue Frau

„Ein Augenblick Liebe“ wirkt teils wie ein überlanger, von lässigen Popsongs untermalter Werbespot. Dazu tragen vor allem die immer wieder eingestreuten Phantasie-Sequenzen bei, die besonders bunt, mit Weichzeichner oder lichtdurchflutet, also künstlich überhöht inszeniert sind. Da sind Bilder von sich küssenden Paaren montiert, da wird der Niedergang von Pierres Ehe durch eine mögliche Affäre im Schnelldurchlauf gezeigt, da konkretisieren sich Wünsche und Sehnsüchte zu einem Tagtraum. Die wegen der zahlreichen Zufälle ohnehin schon recht unglaubwürdige Handlung wird bewußt der grauen Gegenwart entfremdet, driftet langsam gen Unverbindlichkeit ab.

Ihre Sorgen diskutieren Pierre, der seine harmonische Ehe nicht zerstören will, und Elsa, die nichts mit verheirateten Männern anfangen möchte, zwar öfters mit Freunden. Doch diese Gespräche sind keine erschöpfende Reflektion ihrer Situation, mehr nettes Geplänkel. Sowieso agieren die Älteren hier wie übermütige, impulsive Kinder, während die eher phlegmatischen, computeraffinen Jüngeren längst ’tied to Apple’ sind. Ernsthaft erwachsen braucht niemand mehr zu werden, selbst die Frauen nicht. Das ist neu und erfreulich, funktioniert allerdings nur bei Damen wie Sophie Marceau überzeugend. Gesegnet mit Aussehen, Körper(sprache) und explizit Charme einer 20-Jährigen weht sie einem Zauberwind gleich durch den Film. Für Frauen wie sie wurde der Begriff ’betörend’ überhaupt erst erfunden.



Die heimlich Liebenden müssen gedanklich einiges wegstecken.

Das unerwartete Ende

Verliebtsein ist, als gäbe es eine zweite Realitätsebene im Dasein. Beschwingt visualisiert das der tolle Schnitt, wenn er Elsa und Pierres Leben von Beginn an ineinander verschiebt. So singen sie an unterschiedlichen Orten zeitgleich einen Song, üben identische Tätigkeiten aus, oder der Dialog des einen hier knüpft an den des anderen dort nahtlos an. Noch schöner: Wenn Elsa in ihrem Schrank die Kleider wegschiebt, tritt sie plötzlich in eine Disko, wo sie erneut auf Pierre treffen wird. Von Begegnung zu Begegnung – nicht von ungefähr lautet der Originaltitel „Un Rencontre“ – wird die Anziehung zwischen den beiden brisanter, bis es in London zu einer reizvollen Zusammenführung kommt. Sowohl von Mann und Frau als auch einer herrlichen Split-Screen-Montage.

Das alles ist inszenatorisch anmutig und entspannt, inhaltlich aber tendenziell fade. Doch das originelle Ende reißt es beinahe heraus. Schon die vielen Spiegelungen und Lichtreflektionen hatten das filmische Geschehen immer wieder gedoppelt, bis auch thematisch dieses Motiv in Form der Quantenmechanik auftaucht. Eine ihrer Interpretationen geht von einem Multiversum, also vielen Welten nebeneinander aus. Damit wären unzählige Leben, unzählige Lieben gleichzeitig möglich. Warum auch nicht, fragt „Ein Augenblick Liebe“ zuletzt mit einer koketten Verschiebung der Story. Jedem sein bißchen Ewigkeit.

Denn die Quantenmechanik lehrt: Materie ist nichts anderes als Vibration. Alles befindet sich in einer unendlichen Bewegung. Wie die Gefühle. 


EIN AUGENBLICK LIEBE (Une rencontre)

Regie: Lisa Azuelos
mit Sophie Marceau, François Cluzet, Lisa Azuelos u.a.
Kinostart: 7. August 2014
im Verleih von Alamode Film 

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